Heute vor einm Jahr ist mein Vater, Walter Sprich, in Freiburg im Breisgau gestorben. Geboren wurde er am 13. Januar 1946, 77 Jahre früher, ebenfalls in Freiburg. Wie lebte er, wer war er - und was bleibt uns von ihm?
Geboren 1946 - eine Zeit des Umbruchs
1946 war eine andere Zeit, fast eine andere Epoche. Es war die Nachkriegszeit. Als mein Vater geboren wurde, lag das Ende des Zweiten Weltkriegs noch keine 12 Monate zurück.
Die Wehrmacht, die ein Jahr zuvor kapituliert hatte, war noch nicht aufgelöst. Ein neues Kapitel der internationalen Ordnung wurde aufgeschlagen, Weltbank und der UN-Sicherheitsrat nahmen 1946 ihre Tätigkeit auf. Für Wissenschaft und Forschung stand nicht mehr nur der Krieg, sondern zunehmend wieder der Verbraucher im Mittelpunkt, so erfand Percy Spencer 1946 den Mikrowellenherd. Kulturell wurde es wieder bunter, „Morris“ de Bevere veröffentlicht die erste Geschichte seines Comic-Helden Lucky Luke. In den Kinos lief Caesar und Kleopatra. In Baden-Württemberg trat die erste Nachkriegs-Verfassung eines Bundeslandes in Kraft. Auch im beschaulichen Eichstetten standen Veränderungen an: Adolf Gänshirt, der schon von 1918 bis 1938 Lehrer in Eichstetten war, wurde 1946 auf eigenen Wunsch nach Eichstetten zurückversetzt. Militärisch war der Krieg zu Ende. Das war ein Segen. Doch wirtschaftlich wirkte der Krieg noch lange nach. Die Lebensmittelversorgung erreichte 1946 einen kritischen Tiefpunkt. Es kam zu Hungerstreiks. Tagesrationen wurden in der Französischen Besatzungszone, zu der der Kaiserstuhl gehörte, auf bis unter 1.000 Kalorien festgesetzt. 1946 war das Jahr, in dem die ersten CARE-Pakete aus den USA Deutschland erreichten – Hilfslieferungen aus den USA an die notleidende Bevölkerung in Deutschland.Kindheit am Kaiserstuhl - ein echter Eichstetter
In dieser Zeit des Umbruchs wurde vor 77 Jahren mein Vater geboren. Als Sohn von Karl Sprich und Eugenie Sprich. Schon Karl Sprich war ein echter Eichstetten am Kaiserstuhl. Alle seine männlichen Vorfahren kamen aus dem Winzerdorf am Kaisertuhl, seit der "Ahnvater" der Eichstetter Sprichs, Lorentz Sprich, 1665 aus dem Wiesental hierher gekommen war. Karl arbeitete als Landwirt und als Bauhilfsarbeiter. In Eichstetten war der „Schwarze Sprich“ beliebt für sein musikalisches Talent. Walters Mutter Eugenie Sprich war eine „Zugezogene“. Zugezogen von weit her. Geboren als Deutsche in Russland musste sie mit ihrem Vater im Zuge der Russischen Revolution Hals über Kopf fliehen. Die Uhrenfabrik Winters in St. Petersburg wurde enteignet. Als Mädchen besuchte sie als kleines Mädchen eine Internatsschule in Berlin. Dann machte sie eine Lehre als Gärtnerin, spezialisierte sich schon in den 20er-Jahren auf biologischen Landbau. Am Kaiserstuhl, wo sie in ihrem Beruf arbeiten wollte, lernte sie ihren Mann Karl kennen.Walters Kindheit war nicht einfach. Vater Karl war Witwer und hatte aus seiner ersten Ehe schon drei Jungs mitgebracht: Richard, Hugo und Eugen. Als Karls zweite Frau bekam Eugenie mit Karl zuerst Gerhard, zwei Jahre später kam Walter zur Welt. Walter war nun der jüngste von fünf Jungs in der Familie Sprich.
Voll war es in dem kleinen Haus in der Hauptstraße. Durch Flucht und Vertreibung lebten dort zeitweise bis zu elf Personen. Lange wohnte dort auch Eugenies Vater Hermann, Walters Großvater. Der brachte seinem Enkel Walter viel bei, zum Beispiel das Schachspielen, das klein Walter wiederum seinem Vater Karl beibrachte. Vater Karl machte das Spiel so großen Spaß, dass es oft schon vor der Schule hieß: „Walter, schtell uff“. Dann musste Walter noch eine Partie Blitzschach abliefern, bevor er, natürlich viel zu spät dran, zur Schule rennen musste.
Vater Karl verdiente den Lebensunterhalt der Familie unter anderem durch die Arbeit in einer nahe gelegenen Fabrik. Mutter Eugenie besserte mit Gartenbau die Nahrungsversorgung auf. Doch man lebte arm. Oft hat mein Vater davon erzählt, wie schwierig es war, an Nahrungsmittel zu kommen. Wie er Sauerampfer am Dreisamufer suchte. Löwenzahl pflückte. Wie sehr er sich über Hilfslieferungen gefreut hat – ohne die CARE-Pakete wäre es nicht weitergegangen, sagte er, wenn es um diese Zeit ging. Besonders gerne hat er sich an die Dosen mit Cheddar-Käse erinnert. Doch alles in allem war es auch ein buntes Leben in einer vielfältigen Familie, in der er viel lernen konnte.
Doch die Familie erlebte bittere Rückschläge. Im August 1957 – mein Vater war gerade einmal elf Jahre alt – verunglückte sein ältester Bruder Richard tödlich. Ein Schock für die Jungs und für die Eltern. Genau zwei Jahre später, August 1959, Walter ist 13: Vater Karl stirbt an Kehlkopfkrebs. Ein böses „Mitbringsel“ von der Fabrikarbeit, bei der er mit Asbest zu tun hatte. Jetzt muss die Mutter die Kinder mit eigener Kraft durchbringen. Eine Herkulesaufgabe, gerade in dieser Zeit.
Kurz nach Vaters Tod gab es für Walter eine Abwechslung. 1960 kann er als Hütejunge in den Schwarzwald gehen. In Ottoschwanden hilft er Landwirten bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe, besonders beim Hüten der Tiere. Rinder, Ziegen, Schweine, Katzen – eine willkommene Abwechslung für ihn. Und eine Entlastung für die Mutter. Oft erzählte mein Vater von dieser Zeit und davon, wie viel Freude es machte, mit jungen Ziegen zu spielen.
Wissensdurst, Schule und Ausbildung in Südbaden
Walter war schon früh äußerst wissbegierig. Sobald er lesen konnte, verschlag er die Bücher der Dorfbibliothek regelrecht. Auf der nach Adolf Gänshirt benannten Volksschule (die spätere Grund- und Hauptschule) in Eichstetten hatte er gute Noten. Und hatte mindestens einen Lehrer, den ich später auf der gleichen Schule noch hatte.
Das Lernen zahlte sich für ihn aus. Nach der Volksschule konnte er bis 1964 die Höhere Handelsschule in Freiburg besuchen und erlangte dort die Mittlere Reife. Mit diesem Abschluss begann er gleich im Anschluss eine Verwaltungslehre bei der Stadt Freiburg, die er 1967 als Stadtassistent abschloss. Einer Beamtenlaufbahn stand damit grundsätzlich nichts mehr im Wege.
Fernmelder mit goldenem Finger: Die glebe Litze als gemeinsames Band
Allerdings begann noch im gleichen Jahr Walters Dienstzeit bei der Bundeswehr. Beim Fernmeldebataillon 9 in Bruchsal wurde er zum Funker ausgebildet. Beim Morsen war er einer der Schnellsten, ein Starfunker mit einem „goldenen Finger“. Die Morsezeichen konnte er noch bis ins Alter auswendig. Seine Erzählungen über die Funkerei veranlassten später mich dazu, ebenfalls als Funker bei der Bundeswehr zu dienen. Als Fernmelder verband uns die gelber Litze, doch in seiner Dienstzeit war eines anders: Mein Vater war Soldat mitten im Kalten Krieg. In seine Dienstzeit fiel der Prager Frühling, der Aufstand gegen die Kommunisten in der damaligen Tschechoslowakei. Damals war die Sicherheitslage wahrscheinlich noch angespannter als in der heutigen „Zeitenwende“. Seine Einheit in Bruchsal wurde in Alarmbereitschaft versetzt und aufmunitioniert. Krieg lag in der Luft, die Soldaten hatten Angst. Mein Vater machte sich damals große Sorgen, machte sich Gedanken über die weitere Entwicklung. Diese Zeit hat ihn geprägt.Doch die Zeit bei der Armee hielt noch eine positive Wendung für Walter bereit. Noch während seiner Dienstzeit lernte er 1968 seine spätere Ehefrau kennen. Meine Mutter, Rita Sprich, war damals auf Urlaubsreise mit ihrer Familie. Auf dem Weg Richtung Süden war die Familie Finger aus Annweiler in Baden am Teninger Baggersee hängengeblieben. Für einen – entscheidenden – Tag. Mein Vater, der ein guter Schwimmer war und ab und zu am Baggersee trainierte, lernte sie dort kennen. Sie verliebten sich und blieben bis zu seinem letzten Atemzug ein Paar. Ganze 54 Jahre.
Berufliche Laufbahn und Ehe
Mit Rita änderte sich Walters Leben von Grund auf. Er schloss seinen Wehrdienst ab und trat seine erste Stelle im Öffentlichen Dienst in Freiburg an. Dann heiratete er Rita im April 1969 und zog mit ihr in ihre Heimat Rheinland-Pfalz. Da er mit seiner Ausbildung in diesem Bundesland nicht in den Öffentlichen Dienst eintreten konnte, wechselte er zur Sparkasse Landau. Das junge Paar musste Rückschläge hinnehmen. 1971 erlitten beide einen schweren Autounfall. In der Folge konnte Rita lange nicht arbeiten gehen. Um den Verdienstausfall zu kompensieren, ging mein Vater zunächst auf dem Bau arbeiten, später arbeitete er bei verschiedenen Versicherungsunternehmen.
Im Jahr 1972 wurde ihr erster Sohn geboren, Torsten. An dem jungen Familienglück hatte mein Vater viel Freude. Doch um für den Lebensunterhalt zu sorgen, mussten Rita und Walter zeitweise unter der Woche getrennt sein, wenn er für die Versicherung unterwegs war. 1974 wurde ich. Christoph Sprich, als zweiter Sohn geboren. In Ludwigsburg, dort hatte es die junge Familie beruflich für kurze Zeit hingezogen. Schon kurze Zeit später ging es für mehrere Jahre nach Weil am Rhein. Aus dieser Zeit stammen meine ersten Erinnerungen an „Papi“, der dort für die Gothaer-Versicherung tätig war. Großartig war Vaters Honda Civic, aus dem wir Kinder von der Rückbank durch runde Bullaugen-Fenster rausschauen konnten. Manchmal hat er uns auf beruflichen Touren mitgenommen und unterwegs durften wir Curry-Wurst essen – das war das höchste aller möglichen Gefühle. Und zuhause im Wohnzimmer setzte er sein sportliches Talent ein, um uns mit akrobatischen Kunststücken zu unterhalten oder mit der Couchgarnitur Tunnellandschaften im Wohnzimmer zu bauen.
Zurück in die Heimat: Eichstetten am Kaiserstuhl
1979 ging es wieder zurück in die Heimat am Kaiserstuhl, nach Eichstetten. Endgültig. Dort war er zuhause, dort, und ich glaube nur dort, fühlte er sich wohl. Walter und Rita haben das Haus seiner Eltern übernommen. Das war für ihn zwar mit weiteren Wechseln der Arbeitsstelle verbunden, doch beide haben in Eichstetten ihr Leben eingerichtet. Doch das Familienglück blieb nicht ungetrübt. Der sicherlich größte Rückschlag im Leben meines Vaters war der Tod seines ersten Sohnes, meines Bruders Torsten im Jahr 1988. Plötzlich und vollkommen unerwartet. Dieser Einschnitt konnte nicht spurlos an ihm vorübergehen. Vieles hat sich für ihn und in ihm geändert durch diesen Schlag. Er hat Prioritäten verändert.
Nach dieser Zeit arbeitete er zunächst in Freiburg für die akademisch ausgerichtete Walthari-Buchhandlung. Die letzten 15 Jahre seines Berufslebens verbrachte er zuhause in Eichstetten und arbeitete bei der Rinklin Naturkost GmbH, einem der größten Arbeitgeber in der kleinen Weinbau-Gemeinde, die sich für ökologischen Lanbau einen Namen gemacht hatte. Mit dieser Arbeit hatte er sich identifiziert und sie hat ihm viel bedeutet. Er mochte die Kollegen, seine Arbeit, die Produkte. Vielleicht auch deshalb, weil er hier mit Naturkost arbeitete, einem Thema, das er von seiner Mutter so gut kannte.
Aktiver Ruhestand als Großvater
Nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2009 hatte Walter Zeit für Rita, für seine Familie und für seine Enkel. Er war immer für uns da, stand immer gerne mit Rat und Tat zur Seite. Auch konnte er Rita unterstützen bei ihrem Einsatz für die Bürgergemeinschaft Eichstetten e.V.. Auch dieser Dienst hat ihm viel bedeutet, hier konnte er sich einbringen für eine Sache, die er gut fand.
Mein Vater ging in geradezu sportlicher Verfassung in den Ruhestand. Bis ins Alter war er sportlich und hatte großes Interesse an körperlicher Ertüchtigung. Er war ein hervorragender Schwimmer. Viele Jahre hat er im Verein, später zuhause, Gewichtheben trainiert. Seine Hanteln standen bis zu seinem Tod nicht still. Zeitweise hatte er im Verein Tennis gespielt. Seine geistige Fitness trainierte er mit Skat und Schach, zeitweise in Vereinen, oft mit seinem Bruder und Onkel im Wohnzimmer zuhause.Doch leider bewahrte ihn der Sport nicht vor dem Alter. Am 17. Februar 2023 zog ihm ein Herzanfall den Boden unter den Füßen weg. Er kam ins Krankenhaus. Schädigungen an Herz und Gehirn wurden festgestellt. Sein Körper wurde schwächer, aber wir konnten noch auf Besserung hoffen. Dann, am 28. Februar, ein Schock: Herzstillstand, Wiederbelebung. Am 1. März war er noch einmal bei Bewusstsein. Er konnte noch einemal einen schönen Tag mit meiner Mutter und mir verbringen. Er war zufrieden, trotz seines geschwächten Körpers. Auch am nächsten Morgen, am 2. März, waren wir bei ihm. Er hat geschlafen, war ganz weit weg. Am Nachmittag des 2. März 2023 ist Walter Sprich dann friedlich verstorben.
Was fehlt - und was bleibt
Mein Vater fehlt uns heute als Mensch und auch als Ratgeber. Sei Rat fehlt, wenn es um unsere deutsche Sprache ging, hier hatte er unschätzbaren Kennnisse. Kein Text, der durch sein Lektorat nicht gewonnen hätte. Was mir im Alltag fehlt, ist sein Verständnis in allen Fragen rund um den Computer. Wie oft habe ich ihn verzweifelt angerufen, weil ich nicht weiterkam. Ebenso alle Fragen zu Technik und Auto. Er wusste, wie man – auch mit einfachen Mitteln – aus der Patsche kommen kommt, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Mein Vater, seine Hilfe, seine Unterstützung wird mir, wird uns, fehlen.
Und, was womit er vielen in Erinnerung bleiben wird, sein Humor und Optimismus. Das war auch noch auf dem Sterbebett so. Diese und andere Eigenschaft von ihm möchte ich so gut es mir möglich ist festhalten. Es sind diese Eigenschaften, Werte und Tugenden, mit denen er mich geprägt hat. In ihnen, in diesen Eigenschaften und Tugenden, lebt etwas von ihm weiter. Und diese Eigenschaften möchte ich an die nächste Generation weitergeben.



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