Montag, 23. Oktober 2017

Oktoberrevolution, Lebensreform und Jesus: Geistige Entwicklungen in einer Familie


Hermann Winter (1871 - 1952)
mit Schwiegermutter Eva Waldowsky
Geschichtliche Ereignisse können nicht nur Lebensläufe ändern, sondern sich auf ganze Familiengeschichten auswirken. Das war auch in der Familie Sprich der Fall. Ein einschneidendes historisches Ereignis für unsere Familie war die Oktoberrevolution im Jahr 1917.


Hermann Winter: Sozialistisches Karriereende und Hinwendung zum Sozialismus

Mein Urgroßvater Hermann Theodor Wilhelm Winter wurde am 4. Mai 1871 in St. Petersburg geboren. Er besuchte dort die deutsche Schule der evangelisch-lutherischen St. Petri-Gemeinde in St. Petersburg. Als Staatsangehöriger des Königreich Preußen leistete er von 1891 bis 1893 Wehrdienst in Dresden beim 2. Königlich Sächsischen Grenadierregiment Kaiser Wilhelm. Wie seine Vorfahren, die einige Generationen zuvor aus Deutschland nach Russland übergesiedelt waren, war auch Hermann Uhrmachermeister, allerdings war er kaufmännisch tätig.

Hermann Winter war in verschiedenen industriellen Unternehmen in St. Petersburg, Odessa, Rybinsk und in Kotschkar im Ural tätig. Außerdem arbeitete er in Paris, London und Sheffield. Von 1902 bis 1905 arbeitete Hermann für den US-amerikanischen Landmaschinenhersteller Mac Cormick in Odessa als Korrespondent, Übersetzer, Stenograph und Maschinenschreiber. Im Jahr 1906 war er bei einem Elektrizitätswerk in Jekaterinenburg angestellt, ab 1913 war er Hauptbuchhalter beim Uhrenproduzenten G. Gerlach in St. Petersburg. Dort waren auch andere Familienmitglieder als Uhrmacher tätig und so arbeitete er später im Uhrenwerk seines Onkels Friedrich Heinrich Wilhelm Winter (1842 – 1893), das nach dessen frühem Tod von dessen Witwe weitergeführt wurde. Hermann wurde Gesellschafter des mittelständischen Unternehmens mit 20 Mitarbeitern. 

In Russland war Hermann Winter als Teilhaber eines Industrieunternehmens und Staatsangehöriger des Königreich Preußen in gehobener gesellschaftlicher Stellung. Die Familie war materiell gut ausgestattet, man konnte sich einige Hausangestellte leisten. Auf Kultur und Bildung wurde großen Wert gelegt. Doch der Sozialismus, die Bolschewisten und die Oktoberrevolution im Jahr 1917 machten ihm und seiner jungen Familie einen großen Strich durch die Rechnung. Er musste sich und seine Kinder außer Landes bringen. Im Jahr 1918 schickte er die Kinder, meine Großmutter Eugenie sowie Lydia und Julius, nach Deutschland. Eine Hausangestellte konnte die drei Kinder noch kurz vor der Besetzung des Anwesens der Familie aus dem Haus schaffen und brachte sie nach Berlin. Wenig später zog er hinterher, seine Frau Therese blieb allerdings in Russland. Die Ehe ging in die Brüche, seine geschiedene Frau heiratete später abermals und übersiedelte ebenfalls nach Deutschland. Hermann wohnte zunächst in Berlin, die Töchter besuchten eine höhere Töchterschule. Als es die Töchter, die mittlerweile ausgebildete Gärtnerinnen waren, an den Kaiserstuhl gezogen hatte, wohnte auch Karl zeitweise in dem kleinen Haus, in dem auch mein Vater und ich aufgewachsen sind. 

Hermann Winter engagierte sich in Deutschland politisch für den Sozialismus und musste im November 1931 eine Gefängnisstrafe von einer Woche im Bezirksgefängnis Freiburg verbüßen. Nach einer Hausdurchsuchung der Geheimen Staatspolizei im Jahr 1935, bei der zahlreiche sozialistische Schriften beschlagnahmt wurden, musste er ins Gefängnis. Zwischen 1933 und 1943 verbrachte Hermann Winter aufgrund seiner Aktivität gegen den Nationalsozialismus insgesamt ein Jahr und acht Monate in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Strafanstalten. Nach Kriegsende bekam er von der badischen Regierung den Ehrenpass antifaschistischer Kämpfer verliehen. Er starb am 13. Februar 1952 in Freiburg.

Eugenie Sprich: Reformbewegung, Sozialismus und Kirchenaustritt


Meine Urgroßmutter
Eugenie Sprich (1906 - 1992)
Hermanns Tochter Eugenie, meine Großmutter, wurde am 28. Juli 1906 in Rybinsk an der Wolga, etwa 250 km nördlich von Moskau geboren. Aufgewachsen ist sie an der Grenze zwischen Europa und Asien in der russischen Industrie- und Universitätsstadt Jekaterinburg im südlichen Ural und später in St. Petersburg. In Berlin wurden Eugenie, Lydia und Julius von ihrem Vater betreut, über die Woche aber in einem Kinderheim untergebracht. Zusammen mit ihrer Schwester Lydia besuchte sie das Luther-Lyzeum, eine höhere Töchterschule. Ziel der Schulausbildung war die Vermittlung geistiger Bildung und die Vorbereitung der Mädchen für ihr Leben als Hausfrau und Gattin. 

Die heranwachsende Eugenie wurde im Berlin des ersten Weltkriegs Zeuge von Hunger und Verzweiflung. Diese Eindrücke prägten ihre pazifistischen Grundhaltung und veranlassten sie, eine landwirtschaftliche Tätigkeit in der Provinz anzustreben. Im Jahr 1922 ging Eugenie von der Schule ab und absolvierte in „der Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden e.G.m.b.H. ("Eden", heute: Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung eG in Oranienburg) eine Ausbildung als Gärtnerin. Diese Einrichtung der „Lebensreformbewegung“ wurde 1893 als erste vegetarische Siedlung in Deutschland von 18 Berliner Vegetariern gegründet. Der Soziologe, Staatstheoretiker und Ökonom Franz Oppenheimer war ein entschiedener Förderer des Projekts, der Ökonom Silvio Gesell wohnte hier bis zu seinem Lebensende. Merkmale der Lebensreformbewegung waren Kritik an Industrialisierung, Materialismus und Urbanisierung sowie ein Streben nach einem Naturzustand. Außerdem wurde Freiköperkultur propagiert. Die Weltanschauung dieser Bewegung prägten Eugenies weiteres Leben.

Nach der Ausbildung in Eden arbeitete Eugenie zunächst für mehrere Familien in Norddeutschland als Haushaltshilfe, später gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Lydia in der Gärtnerei Götschin im idyllischen Achkarren am Kaiserstuhl. Nach ihrer Hochzeit mit meinem Großvater Karl Sprich zog sie auf die andere Seite des Kaiserstuhls zu ihrem Ehemann nach Eichstetten und versorgte den großen Haushalt als Hausfrau und Mutter. Ihre Tätigkeit als Gärtnerin blieb allerdings ihre große Leidenschaft, die sie bis ins hohe Alter nie aufgab. Sie beherrschte dieses Handwerk in Perfektion. Geprägt durch die Lebensreformbewegung war besonders der biologische Anbau von Nutzpflanzen Teil ihrer Weltanschauung und Selbstverwirklichung. Stets kam sie ohne Pestizide und Kunstdünger aus, von Jugend an wendete sie nur alternative Anbaumethoden an. Stickstoffdünger wurde biologisch aus Brennnesseln hergestellt, was meiner Nase heute noch in Erinnerung ist. Schädlingsbefall wurde durch geschickte Kombination verschiedener Kulturpflanzen auf derselben Anbaufläche minimiert. Die Ideale der Lebensreformbewegung, die sie in ihrer Jugendzeit in Eden kennen lernte, blieb sie treu. Das Lebensmotto „Licht, Luft und Sonnenschein“ bekam ich von meiner "Babuschka" regelmäßig vorgetragen. Bis ins hohe Alter ernährte sie sich weitgehend vegetarisch, war skeptisch gegenüber industrieller Produktion und hasste jede Form der Gewalt. Lebensmittel, die sie nicht selbst angebaut hatte, kaufte sie in den Reformhäusern, die Anhänger der Lebensreformbewegung Jahre zuvor gegründet hatten. Eugenie verfügte über ein großes Wissen über die Heilkräfte der Natur, denen sie großes Vertrauen entgegenbrachte. 

Nachdem sie in Freiburg auf dem Münsterplatz gesehen hatte, wie der Freiburger Bischof Waffen für den Krieg gesegnet hatte, trat sie aus Protest aus der Evangelischen Kirche aus. In ihrer Heiratsurkunde gab sie als Konfession "gottgläubig" an. Wie ihr Vater Hermann war auch Eugenie politisch interessiert und bekannte sich, trotz ihrer Vertreibung durch die Bolschewiken, zum Kommunismus. Durch die Nationalsozialisten erlitt sie wegen ihres politischen Bekenntnisses Verfolgung. Zeitweise musste sie ins Gefängnis und wurde nach dem Krieg als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Durch ihr aktives Streben nach einem möglichst naturverbundenen Leben baute sich Eugenie im Laufe der Jahre ein großes und internationales persönliches Netzwerk auf. Bis ins hohe Alter stand sie mit Vegetariern und Naturfreunden weltweit durch regen Briefverkehr in Kontakt. Dabei waren ihr ihre Fremdsprachenkenntnisse hilfreich. Neben ein wenig Englisch und Französisch sprach Eugenie fließend Russisch und erlernte die Kunstsprache Esperanto. Eugenie Sprich starb am 28. Juni 1992 in Eichstetten am Kaiserstuhl.

Lehren für mich?

Geschichtliche Ereignisse können Familienchroniken beeinflussen. Das gilt besonders für solche Ereignisse, die mit Gewaltausbrüchen einhergehen. Totalitäre Ideologien wie der Sozialismus können solche Ereignisse begünstigen, die blutige Oktoberrevolution von 1917 ist ein Beispiel dafür. Meine Vorfahren haben aus ihren Erfahrungen Lehren gezogen. Etwa dadurch, dass sie Entgleisungen ihrer Zeit kritisch hinterfragten. Oder dadurch, dass sie sich gegen Gewaltherrschaft und Nationalsozialismus gestellt haben. Ich teile zwar nicht ihre sozialistischen Überzeugungen. Als politisch Liberaler teile ich aber durchaus ihre Liebe zur Gewaltlosigkeit und zum Frieden. Und ich denke, dass es die gleiche Liebe zum Frieden war, die meinen Urgroßvater und meine "Babuschka" damals mit dem Sozialismus angefreundet hat. Nur war es nach meinem Verständnis der politische Liberalismus, der die Idee der Gewaltlosigkeit konsequent weiterentwickelt hat.

Allerdings bedaure ich weniger, dass Hermann und Eugenie dem Sozialismus nahe standen. Tragisch finde ich aber, dass die geschichtliche Entwicklung sogar zu einer Abwendung vom christlichen Glauben beitragen konnte. Denn es war doch gerade Jesus Christus, der durch sein Opfer am Kreuz die Grundlage für echten Frieden geschaffen hat (Hebräer 1,20). Um so mehr möchte ich aus der Geschichte der Welt und meiner Familie lernen und nicht nur Gewalt und Totalitarismus ablehnen, sondern vielmehr dem Apostel Petrus folgen und den Frieden suchen und ihm "nachjagen" (1. Petrus 3,11). Die Botschaft vom Kreuz ist eine wahrhaft revolutionäre Friedensbotschaft, die stärker ist als jede Ideologie. Die Verbreitung der Botschaft des Kreuzes kann uns nicht nur vor Krieg, sondern vor jeder Form der Ideologie, des Totalitarismus und der Gewalt bewahren.













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