Donnerstag, 10. November 2022

Karl Sprich. Von einem, der sitzen blieb.

Karl Sprich
(*19.09.1907 †26.08.1958)

Mein Großvater Karl Sprich war keine Person des öffentlichen Lebens. Keiner, von dessen Leistungen etwas in der Zeitung stand. Und sicherlich auch kein Held. Dennoch werde ich meinen Kindern gerne von ihm erzählen. Davon, wie er sitzen blieb, als alle aufstanden. 

Mein Großvater Karl Sprich wurde am 19. September 1907 in Eichstetten am Kaiserstuhl geboren. Eichstetten ist eine kleine, beschauliche und wohlhabende badische Weinbaugemeinde. Alle meine männlichen Vorfahren kommen dort her, zumindest seit dem Dreißigjährigen Krieg. 

Karl war keine gesellschaftlich höher gestellte Person. Er arbeitete in der Landwirtschaft. Wie sein Vater und sein Großvater. Bei der Errichtung des Westwalls war er Bauhilfsarbeiter. Nach dem Krieg fand er in der nahe gelegenen Asbestfabrik eine Beschäftigung, die brachte ihm dann auch den frühen Krebstod ein. Der "Schwarze Sprich", wie er wegen seiner dichten und dunklen Haare genannt wurde, blieb vielen Eichstettern als Dorfmusikant in Erinnerung. Und in der Familie als "Sitzenbleiber".

Sitzen bleiben, wenn alle aufstehen

Heute vor 84 Jahren, am 10. November 1938, waren viele Männer des Dorfes in der Dorfgaststätte versammelt. Am Abend vor diesem Tag, am 9. November, der so gennanten Reichspogromnacht, hatten vor allem in den Städten Deutschlands die Synagogen gebrannt. Doch auf dem Land mobilisierte sich der antisemitische Hass vielerorts einen Tag später, am 10. November. So auch am Kaiserstuhl, in Breisach, Ihringen und eben auch in Eichstetten. Die versammeten Männer beschlossen, zur Synagoge zu marschieren. In dieser Nacht gingen alle - der Schwarze Sprich blieb sitzen. In der Dunkelheit wurden Juden durch Eichstetten gejagt, die Synagoge ging in Flammen auf. 

Mein Großvater hatte als politischer Querulant seinen Ruf weg. Wegen seiner Ansichten bekam er in der Folge mehrfach Ärger mit der Obrigkeit, kam wie seine Frau und sein Schwiegervater kurzfristig hinter Gitter. Er war jemand, den man nicht gerne kannte. Aber heute ist er jemand, von dem man seinen Kindern gerne erzählt. Man erzählt von dem Bauhilfsarbeiter Karl Sprich, geboren und gestorben im kleinen und beschaulichen Eichstetten am Kaiserstuhl. Vom Urgroßvater, der sitzenblieb. Der dadurch geadelt wurde, sich weder vom Zeitgeist noch vom sozialen Druck verführen zu lassen, das offensichtlich Falsche zu tun. Ich denke, es sind diese kleinen Lehren aus der Geschichte, die wir auf uns selbst wirken lassen und unseren Kindern weitergeben sollten.

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