Die Idee der Freiheit hat es schwer in Deutschland. Zu dieser Überzeugung könnte man kommen, wenn man die jüngere Geschichte seit der Zeit Bismarcks betrachtet. Doch das Bild von einem freiheitsfeindlichen Deutschland kann nur haben, wer das neueste Buch von Gerd Habermann noch nicht gelesen hat. Denn Habermann zeigt die Geschichte eines traditionell föderalen Deutschlands. Ein Land, in dem der Wettbewerb der vielen politischen Untergliederungen über Jahrhunderte hinweg kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Innovation hervorbrachte. Dieses bunte, offene und freundliche Deutschland trägt die Freiheit in seinen Genen.
In seinem neuen Buch „Freiheit in Deutschland. Geschichte und Gegenwart“ (2021, 284 Seiten, erschienen in der OLZOG edition des Lau-Verlags in Reinbek) geht Gerd Habermann auf die Geschichte der Freiheit und des freiheitlichen Denkens in Deutschland ein. Er beginnt mit Begriffsbestimmungen und skizziert zunächst unterschiedliche Typen von Freiheit. Dabei wird ein im Sinne Hayeks "negatives Freiheitsverständnis" in den Vordergrund gestellt, also „Freiheit von willkürlichem Zwang durch andere Menschen“. Nach Habermanns Typisierung ist das die Freiheit vom „Typ I“, etwa im Gegensatz zur Selbstbestimmtheit eines Volkes (Freiheit vom Typ III). Deutschland versteht Habermann als Kommunikationsgemeinschaft, die durch ein Kontinuum an Gemeinsamkeiten über Literatur, Ideen, Überzeugungen, Sitten und Bräuchen verbunden ist.
Die Freiheit der Germanen und Karl der Große
Seine historische Betrachtung beginnt der Autor mit den germanischen Stämmen, wie sie vor allem von römischen Geschichtsschreibern beschrieben wurden. Ihnen attestiert Habermann in Übereinstimmung mit den verfügbaren Quellen eine ausgeprägte Freiheitsliebe. Familien und Stämme verteidigten ihre Eigenständigkeit, man unterwarf sich weder überregionalen Fürsten noch religiösen Autoritäten. Nur Bedrohungen von außen veranlassten die Germanen dazu, sich für die Zeit des Krieges Heeresführern unterzuordnen. Gleichzeitig existierten allerdings allgemein anerkannte Sittengesetze, die innerhalb der Stämme und durch Stammesfehden exekutiert wurden.
Auch im späteren Lehnswesen, das etwa in der Merowingerzeit auf deutschem Boden existierte, setzte sich die freiheitliches Lebensweise fort. Hier bildeten sich zwar eine militärische Struktur heraus (Ritter), wobei die militärische Macht aber dezentral organisiert und über das Reich verteilt war. Die ordnenden Hierarchien zwischen Herren und Gefolgsleuten deutet Habermann als freiheitliche Ordnung, die auf Verträgen auf Gegenseitigkeit basierte. Im Rahmen der Lehenspyramide und einer Heerschildordnung wurde politische Gewalt nicht zentralisiert, sondern regional verteilt, ja privatisiert.
Mit dem Beginn der Karolingerherrschaft unter Karl dem Großen konnten sich zentrale Strukturen in Deutschland etablieren. Dennoch blieben die Menschen weitgehend frei vom Willen zentraler Obrigkeiten. Dafür sorgte die Vielzahl regionaler Fürstentümer, deren Heere alleine ihren Regionalfürsten Untertan waren. Der ständig auf Reise befindliche Kaiser musste dauerhaft um Gefolgschaft werben und war im Kriegsfall auf die Truppen der regionalen Fürsten angewiesen. Auch sorgte die Gewaltenteilung zwischen Staat und Kirche für eine Beschränkung der Macht.
Bauern, Ritter und freie Städte
Bis in die Neuzeit hinein bestand das deutsche Volk zu über 90 Prozent aus Bauern. Diese unterlagen zwar in mancherlei Hinsicht einer Hörigkeit, waren jedoch ungleich freier als etwa Leibeigene im Römischen Reich. Rechtstexte wie der Schwabenspiegel aus dem 13. Jahrhundert oder der Sachsenspiegel (1235) geben Zeugnis von den Rechten auch der einfachen Bevölkerung. Auch die Städte hatten teilweise sehr weitgehende Rechte, die Abgabenbelastung der Bevölkerung lag mit 18 bis 40 Prozent niedrig im Vergleich zu heute. Ein Element freiheitlicher Kultur in Deutschland waren sicherlich der Stand der Ritter. Zu diesem Stand gehörten zeitweise bis zu 100.000 Menschen, die auf bis zu 10.000 Burgen sowie Rittergütern lebten.
Zentrale Bedeutung für das Freiheitsgefühl der Deutschen hatte sicherlich die deutschen Städte des Mittelalters, die teilweise einen hohen Grad an politischer Selbstverwaltung hatten und über Jahrhunderte Triebfedern der kulturellen Entwicklung waren. Zeitweise hatten bis zu 3.000 deutsche Orte Stadtrechte. Habermann geht zur Veranschaulichung näher die auf politischen und historischen Besonderheiten der Städte Stendal, Schwäbisch-Hall, Nürnberg und Lübeck ein. Besonders gewürdigt wird die Hanse als erfolgreicher Städtebund, die in besonderer Weise für den Freiheitswillen eines selbstbewussten Bürgertums steht und die europäische Geschichte geprägt hat.
Napoleon, Bündnisse und Einheitsstreben
Die Siege der napoleonischen Heere verwiesen die freiheitliche Vielfalt auf deutschem Boden in ihre Grenzen. Doch auch nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 gab es in Deutschland rund noch 1.800 Obrigkeiten, die der Autor als großes „Experimentierfeld“ skizziert. Hier konnten alle Arten von Verfassungskonstruktionen im Wettbewerb um die Gunst von Bürgern und Fürsten gegeneinander antreten. Dieser Wettbewerb hielt die Staatsausgaben in Schach, so waren die Militärausgaben der meisten deutschen Fürstentümer verschwindend gering. Gleichzeitig formte sich aus der Mitte der Gesellschaft der Wille zur Ausformung einer gesamtdeutschen Identität, der etwa im Wartburgfest der liberaldemokratischen Studentenschaft (1817) ihren Ausdruck fand. Die deutsche Geistesgeschichte sieht Habermann in dieser Phase des „Märchenlands des Partikularismus“ an seinem Zenit angekommen. Als spezifische Ausprägung des deutschen Freiheitsdrangs wird die „religiöse Sezession“ durch den Reformator Martin Luther beschrieben, den der Katholik Habermann allerdings als verbohrten Verfechter einer starken Obrigkeit skizziert.
Auch der Wiener Kongress (1815) änderte grundsätzlich nichts an der freiheitsbegünstigenden deutschen Kleinstaaterei. Der entstandene Deutsche Bund war nur schwach zentralisiert. Das änderte sich allerdings mit der Gründung des Norddeutschen Bundes und im späteren Kaiserreich, in dem es unter dem Einfluß Preußens und insbesondere des charismatischen Bismarck zu einer vergleichsweise weitreichenden Reichszuständigkeit kam. Mit Bezug auf Röpke wertet der Autor diese Entwicklung als Rückschlag für die Föderativstruktur Deutschlands. Auch der Wohlfahrtsstaat nahm bekanntermaßen in dieser Zeit seien Anfang.
Geistesgeschichte, Reformen und Niedergang
Besondere Aufmerksamkeit widmet Habermann der Geschichte des freiheitlichen Denkens in Deutschland ein. Über Jahrhunderte sei persönliche Freiheit von den Deutschen weniger auf der Grundlage von Vernunftsschlüssen, sondern als Forderung nach Beibehaltung angestammter Rechte verteidigt worden. Im Laufe der Zeit brachte das deutsche Volk aber viele freiheitliche Denker hervor, die das Ideal der Freiheit geistig hinterlegten. Habermann skizziert die Beiträge zum Freiheitsdenken von Willhelm von Humboldt, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Justus Möller, Johann Gottfried Herder und Immanuel Kant. Auch stellt er die geistesgeschichtliche und wirtschaftspolitische Rezeption marktwirtschaftlichen Denkens (Adam Smith) dar. Besondere Würdigung erfährt in diesem Zusammenhang der Freiherr vom Stein, durch dessen Reformen wirtschaftliches Wachstum in Deutschland maßgeblich begünstigt wurde.
Im Kapitel „Liberalismus und Demokratie“ beschreibt der Autor auf die Schritte der institutionellen Ausformung freiheitlicher Gedanken in Deutschland seit 1848. Als Wegbereiter der vormärzlichen Kampfzeit nennt Habermann Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt, als wichtige Wegmarke das Hambacher Fest (1832). Geistige Ideale seien neben der Gleichberechtigung der Frau auch die Idee eines konföderierten Europas gewesen. Das Professorenparlament von 1848 wird skizziert als ein Hochfest freiheitlicher Ideen, getrieben durch die versammelte Intelligenz des Deutschlands. Leider scheiterte die Arbeit der Parlamentarier an einer deutschen Verfassung mit US-amerikanischen Zügen an der demütigenden Zurückweisung des preußischen Königs. Auch andere Anläufe, der Freiheit eine Gasse zu schlagen, wie etwa der Revolution in Baden, scheiterten am Widerstand der herrschenden Obrigkeit. Dennoch konnte die Idee der Freiheit durch kleine Revolutionen von unten Raum gewinnen, etwa durch die Umsetzung der genossenschaftlichen Ideen Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen und des Zolltarifs von 1818 konnte Deutschland dann in die wirtschaftlich freieste Epoche der deutschen Geschichte (Habermann) eintreten. In dieser Zeit erlebte Deutschland nicht nur ein gewaltiges Bevölkerungswachstum, sondern auch eine große Zunahme des Wohlstands. Rationalisierte Landwirtschaft, Bergwerke und die frühe Industrie haben die Armut nicht geschaffen – vielmehr wurden die Armen durch sie angezogen, so Habermann.
Den Aufstieg Bismarcks wertet der Autor wenig überraschend als Rückschlag für die Freiheit in Deutschland. Der „Mephistopheles von Format, Charme und echter Kraft“ (Röpke) war nicht verantwortlich für eine Gewaltpolitik, sondern auch für Zentralisierung der Macht und für die Einführung eines bald überbordenden Wohlfahrtsstaates. Liberalen Bewegungen trat er mit offener Verachtung entgegen, den Freihandelsgedanken sah er als „gemeinschädliche Krankheit“ (Bismarck). In diesem Staat konnten die Interessengruppen wie Kartelle, Aktiengesellschaften und Ringe ihre Vorstellungen weit besser vertreten als die Vordenker hoher Staatsideale. Auch einnehmende Persönlichkeiten wie Friedrich Naumann, der im Sinne des Autors ohnehin kein Vertreter klassisch liberaler Ideen gewesen sei, konnte dieser Entwicklung kaum etwas entgegensetzen.
Ordoliberale Renaissance der Freiheit in Deutschland
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Abdankung der Aristokratie konnte die Weimarer Verfassung die verloren gegangenen freiheitlichen Züge der institutionellen politischen Struktur Deutschlands nicht wieder herstellen, der föderalen Struktur versetzte sie den Gnadenstoß (Röpke). Die vollständige Kapitulation des Liberalismus musste Deutschland dann 1933 erleben. Allerdings beflügelten die schrecklichen Erfahrungen der Deutschen mit Krieg, Unterdrückung und dem massiven Verlust individueller Freiheitsrechte im Hintergrund das freiheitliche Denken in Deutschland. Habermann skizziert das reichhaltige Werk freiheitlicher deutschsprachiger Denker, deren Ideen maßgeblichen Einfluss auf das Deutschland der jungen Bundesrepublik nehmen konnten. Der Autor geht ein auf die „Österreicher“ Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, auf die Ordoliberalen Wilhelm Röpke, Walter Eucken und Franz Böhm sowie auf Ludwig Erhard. Gerade der Letztgenannte steht wie kein anderer dafür, wie sich liberalen Denken in die Verbesserung der Lebensverhältnisse übersetzen lässt.
Der Politik der Gegenwart kann der Autor allerdings nicht bescheinigen, dass sie durch freiheitliche Ideale getrieben wird. Sozialversicherungszwänge, „Demokratieabgabe“, staatswirtschaftliche Bildungs- und Gesundheitspolitik, Gleichstellungs- und Identitätspolitik, Kulturmarxismus, utopisch-egalitäre Ideale, Nullzinspolitik, der Umgang mit der Corona-Pandemie, eine überhöhte Asylpolitik, Länderfinanzausgleich, kollektive Mitbestimmung sowie der Versuch, das Weltklima von Deutschland aus zu steuern, sind für ihn Belege für den schwachen Stand freiheitlicher Ideale in der deutschen Politik.
Fazit
Trotz des denkbar düsteren Endes der Betrachtung der Freiheit in Deutschland ist das Buch von Gerd Habermann ein Lichtblick für Freunde der Freiheit in Deutschland. Denn es zeigt, dass Gegenwart und Zeitgeist ein schlechter Maßstab sind für die Bedeutung des Liberalismus. Habermanns Ausflug in die Geschichte der Deutschen zeigt: Die Freiheit gehört zur DNA Deutschlands. „Die Idee hat keine Eile“, wie Habermann einen abschließenden Abschnitt seines Werkes überschreibt. Die Vorzüge der Freiheit, in geistiger, kultureller und in wirtschaftlicher Hinsicht haben in Deutschland tiefe Spuren hinterlassen. Deshalb spricht vieles dafür, dass die Freiheit in Deutschland auch künftig gute Chancen hat.
Außerdem wird durch die historische Betrachtung, die über Drittes Reich, Bismarck und Weimar hinausreicht, deutlich, dass sich nationales und freiheitliches Denken keineswegs entgegenstehen, sondern dass sie, gerade in Deutschland, auf das Engste verwoben sind und sich komplementär ergänzen. Diesen Blick sollte man sich nicht von der Tatsache versperren lassen, dass Deutschland düstere Zeiten des Freiheitsverzichts durchstehen musste. Ich wünsche mir, dass Habermann mit seinem Buch eine Initialzündung ist und in den nächsten Jahren weiter zur Bedeutung der Freiheit für die deutsche Geschichte geforscht wird.
Leider fehlen in Habermanns Betrachtung weitgehend die internationalen Bezüge. Dabei hängen die Möglichkeiten eines Volkes, die persönliche Freiheit im Inneren politisch zur Geltung verhelfen zu können, nicht nur vom Willen der politischen Entscheider des Volkes ab, sondern auch von den Machtansprüchen anderer Völker und Mächte. Die Freiheit vom „Typ I“, nach der Einteilung des Autors, kann also nicht getrennt werden der Freiheit „Typ III“, der Möglichkeit zur kollektiven Selbstbestimmung. Dieser Zusammenhang ist deutlich zu sehen in der Geschichte Deutschlands, denken wir nur an die Rolle der Hunnen, der Ungarn, der Araber oder Napoleons auf die Entwicklung des deutschen Staates. Vor diesem Hintergrund mag auch die Rolle eines nach äußerer Macht strebenden Bismarcks milder ausfallen. In der heutigen, globalisierten Welt, in der sich neue Machtblöcke gebildet haben, wird ein Abwägen der internationalen Verhältnisse um so wichtiger. Diese Abwägung darf aber nicht dazu führen, persönliche Freiheitsrechte im Inneren angesichts eines erdrückenden Systemwettbewerbs im äußeren zu relativieren. Auch der Wettbewerb mit nicht-demokratischen Systemen ist kein Argument zur Einschränkung der Freiheit. Vielmehr muss die internationale Betrachtung zu der Erkenntnis führen, dass die Nutzung der Kraft der Freiheit unumgänglich ist, um den globalen Systemwettbewerb überhaupt gewinnen zu können. Denn Freiheit gehört nicht nur zur DNA Deutschlands - sondern zur DNA des Menschen.
Freiheit in Deutschland. Geschichte und Gegenwart
Gerd Habermann
2021, 284 Seiten
Erschienen in der OLZOG edition des Lau-Verlags in Reinbek.
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