Deutschland steht nach der Krise wirtschaftlich gut da. Die nachhaltige Geldpolitik der Bundesbank vor der Euroeinführung war eine Grundlage des Erfolgs. Inflation führt nicht zu Wachstum, sondern produziert Krisen. Die Geldvermehrung durch die EZB zerstört die Wurzeln unseres Erfolgs. Die geldpolitischen Weichen müssen wieder auf Stabilität, Nachhaltigkeit und Wachstum gestellt werden.
Deutschland steht
nach der Krise wirtschaftlich gut da
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Heute wird Geld digital vermehrt |
Internationale Beobachter interessieren sich zunehmend für
die Gründe des deutschen Erfolgs. Doch diese Suche darf nicht bei den unmittelbaren
wirtschaftspolitischen Reaktionen auf die Krise im Herbst 2008 enden. Maßnahmen
wie das Kurzarbeitergeld, die Rettung von Banken und die lockere Geldpolitik
haben zwar positive Wirkungen entfaltet. Doch es ist gerade diese Art der
Wirtschaftspolitik, die die wirtschaftliche Nachhaltigkeit gefährdet. Der
eigentliche Grund für die Selbstbehauptungskraft der deutschen Wirtschaft liegt
vielmehr in den ordnungspolitischen Prinzipien, die die deutsche
Wirtschaftspolitik und insbesondere die Währungspolitik über Jahrzehnte geprägt
hat. Denn es waren diese Prinzipien, die die Herausbildung der für unser Land
typischen Wirtschaftsstruktur ermöglicht haben. So hat Deutschland im Vergleich
mit anderen Industrieländern eine ausgeprägt vielfältige Wirtschaftsstruktur.
Neben den vielen großen Unternehmen sind es gerade viele, viele kleine und
mittlere Unternehmen, die in ihren Marktsegmenten äußerst erfolgreiche Global
Player sind.
Währungspolitik ist Grundlage
globaler Wettbewerbsfähigkeit
Der Motor des unserer Wirtschaftskraft sind die unzähligen
kleinen Unternehmen, die sich ihren Platz auf den Weltmärkten erstritten haben.
Diese feingliedrige Wirtschaftsstruktur hat sich herausgebildet auf der
Grundlage einer Wirtschaftspolitik, die sich seit Kriegsende mehr oder weniger
konsequent an ordnungspolitischen Prinzipien orientiert hat. Maßgebliche
Ideengeber dieser Ordnungspolitik waren Ordnungsökonomen wie Walter Eucken,
Friedrich August von Hayek oder Wilhelm Röpke. Sie waren es, die überzeugend
argumentierten, warum Privateigentum, die Offenheit von Märkten und vor allem
eine nachhaltigkeitsorientierte Währungspolitik für den Erfolg einer
Volkswirtschaft ausschlaggebend sind.
Eine nicht nachhaltige Währungspolitik zeigt sich durch
Inflation. Um sich die Bedeutung von Inflation für die Entwicklung einer
Volkswirtschaft zu verstehen, muss man sich zunächst klar machen, was Inflation
ist. Inflation ist die Vergrößerung der Geldmenge in einem Währungsraum. Sie
entsteht dadurch, dass die Produzenten des Geldes mehr Geld herstellen. In der
Eurozone sind die Produzenten von Geld die Europäische Zentralbank, die
Zentralbanken der Staaten des Euroraumes und die Geschäftsbanken. Sie alle
können Geld herstellen und vermehren: Die Geschäftsbanken durch die Vergabe von
Krediten (Buchgeld), die Zentralbanken zusätzlich durch das Drucken oder Prägen
von Geldscheinen oder Münzen. Wenn die Geldmenge steigt stehen mehr
Geldeinheiten der gleichen Menge an Gütern gegenüber – und deshalb steigen die
Preise. Das Ansteigen der Preise ist also eine Folge der Inflation, die mit mehr oder weniger Zeitverzögerung
einsetzt.
Wirtschaftskiller
Inflation
Die Schäden von Inflation für die Wirtschaftsstruktur sind verheerend.
Und das in vielerlei Hinsicht. Am bekanntesten sind die Umverteilungseffekte.
Inflation begünstigt Verschuldung, da Geldvermehrung Schulden entwertet. Auf
der anderen Seite bestraft die Inflation die Sparer, da sie gleichermaßen die Guthaben
entwertet. Die Vermehrung der Geldmenge bestraft also diejenigen, die
Konsumverzicht üben und mit ihren Ersparnissen Kapital ansammeln, das die
Grundlage für die wirtschaftliche Produktion ist. Inflation bestraft einen
nachhaltigen Lebensstil und belohnt den Kapitalverzehr. Auch die
Verteilungseffekte der Inflation sind schädlich. Inflation ist Umverteilung von
unten nach oben in der Gesellschaft. Die Produzenten von Geld, die Banken und
Staaten, können mit ihrem frisch produzierten Geld immer zu relativ niedrigen Preisen
einkaufen. Die Preissteigerung findet erst später statt, wenn sich die Preise
in der Volkswirtschaft auf die erhöhte Geldmenge eingestellt haben. Für alle
anderen Teilnehmer des Währungsraumes, für Industrieunternehmer und Arbeitnehmer,
bedeutet Inflation, dass dem Cash Flow, den Ersparnissen und den starren Löhnen
immer weniger Güter entgegenstehen. Die Finanzeliten des Wirtschaftsraums
profitieren auf Kosten der Realwirtschaft.[ii]
Eine funktionierende, leistungsfähige, innovative und vor
allem nachhaltige Volkswirtschaft ist von einer stabilen Geldmenge abhängig. Denn
eine stabile Preisstruktur ist die Vorbedingung dafür, dass Unternehmen
langfristig planen und investieren können. Für Walter Eucken, den geistigen
Vater der Sozialen Marktwirtschaft, war der „Primat der Währungspolitik“
oberstes Leitprinzip für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung: „Die
Hauptsache ist es, den Preismechanismus funktionsfähig zu machen. Jede
Wirtschaftspolitik scheitert, der dies nicht gelingt. ...Alle Bemühungen, eine
Wettbewerbsordnung zu verwirklichen, sind umsonst, solange eine gewisse
Stabilität des Geldwertes nicht gesichert ist. Die Währungspolitik besitzt
daher für die Wettbewerbsordnung ein Primat. ... Wenn es gelänge, die
Währungsverfassung mit einem Stabilisator des Geldwertes zu versehen, dann
könnte man hoffen, daß die der Wettbewerbsordnung immanente Tendenz zu einem
Gleichgewicht sich auswirkt, statt wie in der Vergangenheit wegen der
mangelnden Konstruktion der bestehenden Währungsverfassungen in einem dauernden
Wechsel der Konjunkturen, d. h. in Inflation und Deflation umzuschlagen.“[iii]
Und von eben diesem auf und ab der Währungspolitik blieb Deutschland durch die nachhaltigkeitsorientierte
Geldmengensteuerung der Bundesbank jahrzehntelang weitgehend verschont.
Inflation führt nicht
zu Wachstum, sondern produziert Krisen
Die Verteidiger der Geldvermehrung führen an, dass zusätzlich
produziertes Geld rege die Wirtschaftstätigkeit an. Das ist kurzfristig auch
der Fall. Der Effekt beruht aber auf einer Täuschung der Marktteilnehmer, die
sich in späteren Jahren rächt. Geschäftsleute sehen zunächst mehr
Geschäftsmöglichkeiten, da die Geldproduzenten die Geldbörse aufmachen und
Güter nachfragen. Die Täuschung besteht darin, dass die Geldproduzenten zwar
Geld ausgeben, aber faktisch der Volkswirtschaft keineswegs mehr Ressourcen zur
Verfügung stehen! Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek
hat aufgezeigt, dass die ständige Änderungen der Preise durch Inflation dazu
führen, dass wirtschaftliche Planung erschwert wird und der Wirtschaftsprozess
so ins Stocken gerät: „Die Inflation kann also nie mehr als ein vorübergehender
Ansporn sein und selbst diese wohltätige Wirkung kann nur solange dauern, wie
jemand weiterhin betrogen und die Erwartungen einiger Menschen unnötigerweise
enttäuscht werden. Ihre stimulierende Wirkung beruht auf den Irrtümern, die sie
hervorruft.“[iv]
Der peruanische Ökonom Hernando de Soto führt die Wirtschaftskrise
seit 2008 Jahre darauf zurück, dass unser Wirtschaftssystem den Unternehmen
nicht mehr die notwendigen Informationen zur Verfügung stellen kann. „2008
mussten wir lernen, dass Informationssysteme aufgehört hatten, die Wahrheit
wiederzugeben ... . In den vergangenen 15 Jahren wurden die Aufzeichnungen des
westlichen Kapitalismus verdorben. .. Damit der Kapitalismus des Westens wieder
überlebensfähig wird, muss er Tausende Milliarden Dollar, die jetzt
unkontrolliert in der obskuren Welt der Finanzinnovationen herumschwirren, dem
Rechtsstaat und dem öffentlichen Wissen unterstellen. Diese Aufgabe verlangt
nach starker politischer Führung.“[v]
Er plädiert also für die Anwendung ordnungspolitischer Prinzipien. Wenn diese
Prinzipien uns in den nächsten Jahren nicht vor einer weiter beschleunigten
Geldvermehrung schützen, dann wird die Geldpolitik der EZB die Grundlage für
die nächste und noch viel dramatischere Wirtschaftskrise liefern.
Geldvermehrung in
Europa zerstört die Wurzel des Erfolgs
Die Deutsche Bundesbank war nach dem Wirtschaftswunder geradezu
ein Symbol einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik, die sich an
ordnungspolitischen Prinzipien orientiert. Mit der Einführung des Euro war die
Europäische Zentralbank zunächst in die Fußstapfen dieser erfolgreichen
Institution getreten. Zumindest grundsätzlich. „Das vorrangige Ziel des
Europäischen Systems der Zentralbanken ist es, die Preisstabilität zu
gewährleisten.“ So sehen es die Verträge vor. Nach 14 Jahren hat sie sich aber
von der Tradition der Bundesbank verabschiedet. So liegen die Zinsen, zu denen
sich Banken Geld bei der EZB leihen – also „produzieren“ – können, auf
historisch niedrigem Niveau. Und damit nicht genug. Im Mai 2010 kündigte die
EZB an, nunmehr Staatsanleihen aufkaufen zu wollen. Damit gibt sie frisch
produziertes Geld direkt an Schuldenstaaten und vermehrt so die Geldmenge. Bis
Januar 2012 hat die EZB auf diese Weise Staatsanleihen in Höhe von 213 Mrd.
Euro aufgekauft. Die Bilanzsumme der EZB verdoppelte sich zwischen Januar 2008
und Januar 2012 von 1,3 Billionen auf 2,7 Billionen Euro.
Mit dem Ankaufprogramm für Staatsanleihen wurden nicht nur
die europäischen Verträge verletzt. Die EZB hat damit auch mit der wachstumsorientierten
Tradition der Deutschen Bundesbank gebrochen. Dabei blieben die Aufkäufe im
Verhältnis zu anderen westlichen Notenbanken noch relativ begrenzt. So kaufte
die EZB Staatsanleihen im Wert von etwa 3 Prozent der jährlichen
Gesamtwirtschaftsleistung des Euroraums während die amerikanische FED und die
Bank of England ganze 18 Prozent in die Wirtschaft pumpten. Aber im Dezember
2011 griff die EZB dann zu einer weiteren, wenn auch subtileren Maßnahme zur
Vergrößerung der Geldmenge. Sie stellte den Geschäftsbanken zu minimalen Zinsen
unbegrenzt viel Geld für drei Jahre zur Verfügung. Ganze 489 Milliarden Euro
wurden unmittelbar von den Geschäftsbanken abgerufen. Mit einem großen Teil
dieses Geldes kaufen die Geschäftsbanken dann Anleihen der verschuldeten Eurostaaten
– quasi als Erfüllungsgehilfen der EZB. Als Sicherheiten für die Kreditvergabe
akzeptiert die EZB mittlerweile übrigens selbst wertlose Staatsanleihen auf Ramschniveau
– und verschenkt damit faktisch ihr frisches Geld. Im nächsten Februar soll das
Angebot an die Geschäftsbanken wiederholt werden. Die Bilanz der EZB wird dann noch
mehr aufgepumpt und die Geldmenge weiter vergrößert. In der langen Frist
bedeutet das eine fortschreitende Verzerrung der Preisstrukturen, die Folge ist
die schleichende Zersetzung unserer Wirtschaftsstruktur.
Die Weichen müssen
wieder auf Stabilität, Nachhaltigkeit und Wachstum gestellt werden
Der Erfolg der deutschen Unternehmen auf den Weltmärkten ist
ein Resultat einer feingliedrigen Wirtschaftsstruktur, die sich über Jahrzehnte
herausgebildet und gefestigt hat. Die Grundlage dieser Entwicklung war die Orientierung
an ordnungspolitischen Prinzipien über Jahrzehnte, insbesondere in der
Währungspolitik. Die Bekämpfung von Krisen über die Notenpresse führt zu
Fehlinformation im Wirtschaftsgetriebe, zu Irrtümern und letztlich zur
Zerstörung der Wirtschaftsstruktur. Die Währungspolitik ist deshalb der entscheidende
Parameter für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas. Deshalb ist
die beschleunigte Geldvermehrung der Europäischen Zentralbank genauso
zerstörerisch wie kreditfinanzierte Konjunkturprogramme der Staaten. Die
Regierungen Europas sollten daher nicht weiter Druck auf die Europäische
Zentralbank ausüben. Die EZB muss sich an der Bundesbank orientieren. Die
heutige, international erfolgreiche Wirtschaft Deutschlands zeugt davon, dass
ihre Politik erfolgreich war. Die EZB muss der Versuchung widerstehen, weiterhin
Finanzblasen aufzupumpen. Dadurch würde sie eine weitere Krise heraufbeschwören
und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft weiter beschädigen. Die
ordnungspolitischen Weichen müssen jetzt wieder auf Stabilität, Nachhaltigkeit
und Wachstum gestellt werden.
[i] Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI) (2011).
Innovationsindikator 2011. Berlin.
[ii] Bagus, P. (2011). Die Tragödie des Euro. Ein System zerstört sich
selbst. München, FinanzBuch Verlag.
[iii] Eucken, W. (1952). Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Tübingen, J.
C. B. Mohr (Paul Siebeck).
[iv] Hayek, F. A. v. (1971/2005). Die Verfassung der Freiheit. Tübingen,
J. C. B. Mohr (Paul Siebeck).
Lieber Herr Dr. Sprich,
AntwortenLöschenzunächst möchte ich anmerken, dass dies ein außerordentlich gelungener Artikel ist. Sie zeigen einen sehr relevanten Krisenauslöser auf, der aus meiner Sicht in der derzeitigen Debatte absolut fehlt:
Die ungebremste Vermehrung der Geldmenge durch die Zentralbanken.
Die FED hat seit den 70er Jahren die Märkte mit billigem Geld geflutet und somit unausweichliche Einbrüche der Konjunktur immer weiter gepusht. Die EZB fährt momentan genau dieses Modell. Dieses kann jedoch nicht bis ins unendliche exerziert werden. Was folgen wird ist heftige Inflation und eine Explosion der Zinslasten.
Des Weiteren resultiert aus der Geldvermehrung ein ebenso wichtiger Aspekt: erhebliche Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung.
Mit der Erhöhung der Geldmenge, hat die Dynamik an den Finanzmärkten erheblich zugenommen. Neue, spekulativere, risikoreichere und damit renditereichere Finanzprodukte sind entstanden. Die Finanzmärkte wurden derart aufgebläht, dass an diversen Märkten Blasen entstanden sind. Sei es auf dem Immobilienmarkt, dem Derivatemarkt, dem Devisenmarkt oder weiteren.
Das gesamte Vermögen einer Volkswirtschaft, was auf den Finanzmärkten mit hohen Renditen ultraschnell vermehrt wird, sammelt sich bei immer weniger Personen an. Dies geschieht durch den Zinseszinseffekt zwangsläufig; und wird durch geringe Leitzinsen verschärft.
Die Zinslast, welche von den Bürgern durch Steuern und Konsumausgaben finanziert wird, ist inzwischen so hoch, dass sie nicht mehr ohne regulierende Eingriffe getragen werden kann.
Sie sagen, dass wir auf eine weitere Krise hinzu steuern. Ich denke, dass wir in dieser bereits mittendrin sind.
Zwei Argumente unterstreichen dieses. Die Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung und die expotentiell steigenden Staatsschulden in sämtlichen westlichen Ländern. Eine Sparpolitik schlägt zwangsläufig fehl. Erstens, da so die Konjunktur abgewürgt wird, was daraus resultiert sehen wir derzeit in Griechenland, und zweitens, da sich dann die Schuldenaufnahme im gesamten Finanzsystem auf Unternehmen und private Haushalte verschiebt.
Denn das Geld, welches wir zur Finanzierung der Staatsaufgaben, für Investitionen der Unternehmen, uvm. benötigen, entsteht inzwischen ausschließlich durch Kreditvergabe der Zentralbanken ("Geld drucken") oder Geschäftsbanken – wie Sie bemerkenswerterweise in ihrem Artikel auch angeführt haben.
Was mir in ihrem Artikel lediglich fehlt, sind weitere Lösungsvorschläge. Eine Orientierung der europäischen Geldpolitik an der Bundesbank reicht meiner Ansicht nach nicht aus. Denn Geldpolitik ist nicht die einzige Grundlage für Wohlstand. Ebenso wichtig ist eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung.
Was halten Sie da von einer Wiederbelebung der Sozialen Marktwirtschaft? (das Soziale der Marktwirtschaft wurde von Alfred Müller-Armack stets groß geschrieben, leider änderte sich dies im Laufe der Zeit…)
Mit freundlichen Grüßen
Tobias Söchtig
P.S. Dies war heute mein erster Besuch ihres Blogs, alles in allem, sehr gelungen.