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Sprich, Christoph (2008) |
Zunächst erscheinen die Fragen, die Blume an mich hatte (hier nur ein Auszug):
1. Dr. Sprich, in Ihrer meines Erachtens hervorragenden Dissertation setzen Sie sich mit den Rationalitätsannahmen der Homo oeconomicus-Ökonomen und der evolutionären Alternative von Friedrich August von Hayek auseinander. Könnten Sie uns den Rationalitätsbegriff der Homo oeconomicus-Modelle kurz umreißen?
Ökonomen wollen begreifen, wie Volkswirtschaften funktionieren, und sie wollen etwas darüber aussagen, wie sie funktionieren. Dazu stellen sie sich zunächst vor, wie sich einzelne Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Auf dieser Grundlage werden dann Theorien über ganze Volkswirtschaften gebildet. Der Ökonom muss also etwas über das Verhalten von Menschen aussagen können, und das ist bekanntlich keine einfache Sache. Denn jeder Mensch ist für sich genommen ein sehr komplexes System. Eine Volkswirtschaft besteht aus vielen Menschen, dadurch wird die Komplexität noch größer.
Deshalb verwenden Ökonomen ein sehr vereinfachtes Menschenbild. Zumindest die allermeisten Ökonomen, und zwar diejenigen, die sich der dominanten Denkschule der „Neoklassik“ zurechnen. Dabei kommt die so genannte Rational Choice Theorie zum Einsatz: Man stellt sich den Menschen vereinfacht als Homo oeconomicus vor, als einen „Ökonomischen Menschen“. Das ist gewissermaßen ein fiktives Fabelwesen, das sich besonders berechenbar verhält. Und zwar handelt es in jeder Lebenssituation genau so, dass es für sich selbst den höchsten Nutzen rausholt.
4. Wo setzt nun die Kritik Hayeks an? Und was sind für ihn die Konsequenzen für die Wirtschaftswissenschaft?
Hayek hat erkannt: In der realen Wirtschaft besteht das Hauptproblem der Menschen gerade darin, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu verbessern! Jeder kennt das aus seinem eigenen Beruf. Eine Wirtschaftsordnung funktioniert nur dann gut, wenn Menschen lernen können, wenn sie Wissen aufbauen können, nur so können sie ihren Job immer besser machen. Und nur dann können sie Pläne entwerfen, die sich auch umsetzen lassen. Nur dann, wenn Menschen ihre Zukunft berechnen können, wird geplant, kalkuliert, riskiert und investiert. Nur dann ist Wachstum und Wohlstand möglich. Hayek identifizierte ein Verfahren, das Wissen erzeugten kann: Den Wettbewerb! Der Markt und der Wettbewerb sind Verfahren zur Endeckung von neuem Wissen. Hier entfalten sich Innovation und Erfindergeist, und das bringt Volkswirtschaften nach vorne. Das Preissystem sieht er als Instrument zum Austausch von Wissen. Preise geben uns die wirtschaftlich wichtigen Informationen, etwa darüber, wie stark die Erstellung eines Produktes die Volkswirtschaft belastet.
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8. Warum drang Hayek selbst nach seinem Nobelpreis gerade mit den Gedanken, die ihm besonders wichtig waren, nicht durch?
Ein Grund ist sicher, dass die meisten Menschen gerne einfache politische Wahrheiten hören. Viel lieber, als akademische Überlegungen. Und wer eindeutige Argumente für die Marktwirtschaft sucht, der wird bei Hayek natürlich fündig. Die politischen Schlussfolgerungen von Hayek werden gerne zitiert von Freunden der Marktwirtschaft, aber die Argumente, die Hayek dorthin geführt haben, bleiben manchmal auf der Strecke. Tatsächlich waren aber für Hayek gerade die wissenschaftlichen Überlegen besonders wichtig.
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Und tatsächlich kann auch eine keynesianische Wirtschaftspolitik mühelos mit neoklassischen Modellen verteidigt und gerechtfertigt werden. Also die Politik, der wir die Finanz- und Schuldenkrise in den USA und in Europa zu verdanken haben. Hayek wusste das, er kannte die Zusammenhänge genau. Und deshalb warnte er die Sozialwissenschaftler am Schluss seiner Nobelpreisrede eindringlich vor der Anmaßung von Wissen. Denn durch sie werden Wissenschaftler zu Helfershelfern von Menschen, die die Gesellschaft kontrollieren wollen, die andere Menschen beherrschen wollen und die dabei unsere Zivilisation zerstören.
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Das volltständige Interview finden Sie auf dem
Wissenschaftsblog von Michael Blume
bei Spektrum der Wissenschaft.
Wissenschaftsblog von Michael Blume
bei Spektrum der Wissenschaft.
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