Der Liberalismus
widmet sich oft dem Kampf gegen links, ist aber deshalb nicht rechts. Die Idee
der Freiheit ist mit rechtsextremem Denken unvereinbar. Nur wenn Liberale klare
Position gegen Rechts beziehen und Profil zeigen, kann der Liberalismus seine
heilende Wirkung gegen Extremismus entfalten.
Rechtsradikalismus im
Fokus
Seit die Hauptfiguren einer rechtsradikalen terroristischen
Vereinigung am 4. November 2011 unter merkwürdigen Umständen in einem Wohnmobil
verbrannt sind, diskutiert Deutschland wieder über Rechtsextremismus. Es ist
schockierend, wie ein gut organisiertes terroristisches Netzwerk vor den Augen
der Sicherheitsorgane über viele Jahre hinweg Morde und Raubzüge planen und
durchführen konnte. Von Rechtsterrorismus ist die Rede, von einer "Braunen
Armee Fraktion". Aber nicht nur die braune Ideologie der Täter, auch
Methoden und Kompetenzen des Verfassungsschutzes stehen im Fadenkreuz. Die
Frage ist, wie dem Rechtsextremismus entschlossener begegnet werden kann. Wie
können Rechtsextreme besser erfasst werden? Wie kann die Arbeit der Behörden
verbessert werden? Doch der Kampf gegen Rechts ist nicht allein eine Aufgabe
des Staates - für eine freiheitliche Gesellschaft können nur freie Bürger
überzeugend werben. Hier sind vor allem Liberale gefragt.
Der Liberalismus ist
weder rechts noch links
In einer sozialdemokratisierten Gesellschaft stehen Liberale
in der Versuchung, sich auf linke Gegner zu konzentrieren. Mindestlohn,
Sozialversicherung und Steuersätze betreffen uns als Bürger unmittelbarer als braune
Parolen in Zwickau oder Schulhof-CDs. Und für die FDP sind die Sozialdemokraten
in allen Parteien ein härterer Gegner als die rechten Außenseiter. Aber stehen
Liberale deshalb eher rechts als links?
Nun, Liberale und Rechte haben sicher gemeinsame Feinde - allen
voran natürlich den Sozialismus und den Kommunismus. Aber der Grund der
Abneigung ist denkbar unterschiedlich! Liberale sind gegen den Sozialismus,
weil sie gegen die staatliche Planung aller Lebensbereiche und gegen
überbordende Umverteilung sind. Rechte sind deshalb gegen den Sozialismus, weil
er nach ihrer Ansicht minderwertige Menschen in die Umverteilungsgemeinschaft
einbezieht. Der Liberalismus teilt außerdem, so könnte man anführen, auch
Vorlieben mit den Rechten. Etwa die Vorliebe für den Wettbewerb. Allerdings
verstehen beide etwas völlig anderes unter Wettbewerb. Rechte denken an ein
survival of the fittest, und zwar durchaus im biologischen Sinn. Liberalen geht
es beim Thema Wettbewerb um ein Verfahren zur Entdeckung neuen Wissens und zur
Steigerung der Leistung im Dienste der Gesellschaft. Auch argumentieren
Liberale und Rechte häufig für die traditionelle Familie. Aber Rechte tun das,
weil sie in biologischer Reproduktion und in einem starken Volk den Sinn des
Lebens sehen. Liberale sehen in der Familie eine Verantwortungsgemeinschaft,
die den Staat entlasten kann. Rechte und Liberale kritisieren die aktuellen
Versuche zur Rettung des Euro. Aber die Rechten sind gegen Europa. Liberale
sind traditionell lupenreine Europäer, die aber darüber diskutieren, ob die
aktuellen Wege der Eurorettung der Integration Europas dienen.
Gemeinsamkeiten zwischen Rechten und Liberalen bestehen nur
auf den ersten Blick. Diese scheinbaren Gemeinsamkeiten sind häufig konstruiert,
oft mit politischer Absicht. Die Gegensätze zwischen liberalem und rechtem
Denken sind viel offensichtlicher. Sämtliche Grundwerte liberalen Denkens haben
keinen Platz in der rechten Ideologie. Der Faschismus steht dem zentralen Wert
des Liberalismus diametral entgegen, der Gleichheit aller Menschen vor dem
Gesetz. Privateigentum und Vertragsfreiheit haben sich den Interessen des
Volkes unterzuordnen. Wirtschaftlicher Wettbewerb hört spätestens an der
Landesgrenze auf. Freiheit von Religion und Familie duldet die rechte Ideologie
nur, wenn sie Staat und Volk nachvollziehbar fördern. Menschenwürde und
individuelle Freiheit werden entwertet durch das Primat des Volkstums. Die
Terrormorde der Zwickauzelle zeigen das auf schreckliche Weise.
Die rechte Ideologie ist ebenso freiheitsfeindlich wie die
des Kommunismus. Nach wie vor gilt, was Friedrich August von Hayek in seinem
Buch The Road to Serfdom schon 1944 festgestellt
hat: Nationalsozialismus und Kommunismus sind Kollektivismen und somit
gleichermaßen dem Liberalismus entgegengesetzt. Deshalb müssen Liberale die
gleiche Entschlossenheit zeigen im Kampf gegen Rechts wie im Kampf gegen den
Sozialismus. Eine Verharmlosung des Rechtsextremismus wäre gefährlich. Noch
1920 charakterisierte Ludwig von Mises in seinem Buch Liberalismus den Faschismus gewissermaßen als bürgerlich-liberale
Protestbewegung gegen die Greueltaten der Bolschewiki. 20 Jahre später mußte
er, selbst Jude, vor dem Faschismus in die USA fliehen. Und leider besteht für
Liberale auch heute noch die Gefahr der Verharmlosung, obwohl wir Deutschen eindeutige
und schlimme Erfahrungen gesammelt haben.
Abgrenzung und Kampf
gegen Rechts notwendig
Liberale müssen ihre Abneigung gegen Rechts klar bekennen. Es
darf kein Zweifel daran aufkommen, dass Liberale mit rechter Ideologie nichts
gemeinsam haben, dass es sich um diametral entgegengesetzte Auffassungen der
Gesellschaft handelt. Liberale müssen aufpassen, nicht in Verbindung mit
rechtem Ideengut gebracht zu werden. Mutwillige Vergleiche von politischen
Gegnern zwischen Liberalen und Rechten kann zwar niemand verhindern. So häufen
sich entsprechende Vorwürfe gegen Liberale im Zusammenhang mit der
Euro-Rettung. Aber von sich aus sollte der organisierte Liberalismus Allianzen und
Annäherungen unbedingt vermeiden.
Aber können Liberale damit leben, wenn der Staat selektiv
gegen bestimmte Weltanschauungen vorgeht? Natürlich ist eine willkürliche Einschränkungen
der Meinungsfreiheit für Liberale nicht hinzunehmen, ebenso wie eine überbordende
Überwachung durch Geheimdienste. Und zwar auch dann nicht, wenn es um
Rechtsradikale geht. Aber die Tatsache, dass Andersdenkende manchmal nicht so
behandelt werden wie im liberalen Idealfall, ist noch lange kein Argument für
eine Solidarisierung mit diesen Andersdenkenden! Zumal es bei dieser speziellen
Form des Andersdenkens eben nicht lange beim Denken bleibt - genau das führte die
Zwickauer Terrorgruppe vor Augen.
Freiheit als Mittel
gegen Extremismus
Der Liberalismus ist das wirksamste Medikament gegen den
Rechtsextremismus. Um seine Wirkung entfalten zu können, muß er aber eindeutig
sein, er muß Position beziehen und Profil zeigen. Und er muß selbst wehrhaft
sein, fähig die Freiheit zu verteidigen. Deshalb müssen Liberale auch für ein
Parteiverbot bereit sein, sofern alles in rechtsstaatlichen Bahnen verläuft. Es
muß auch möglich sein, Rechtsradikale in Warnlisten zu erfassen. Und Liberale
müssen bereit sein, die Freiheit auch gegen faschistische Tendenzen im Ausland zu
schützen.
Aber vor allem müssen Bürger für die Freiheit werben. Denn letztlich
kann rechtes Gedankengut nicht mit Gewalt bekämpft werden, sondern nur durch
Argumente. Noch 1920 betrachtete Ludwig von Mises den Faschismus fälschlicherweise
als einen "Aufstand" gegen den Kommunismus. Aber schon damals glaubte
er nicht daran, dass der Faschismus dieses Ziel erreichen könne. Denn:
"Die rohe .. Anwendung von Gewalt führt nur denen, die man bekämpfen will,
neue Freunde zu. In dem Kampfe der Gewalt mit der Idee siegt immer die Idee.
... Es gibt aber nur eine Idee, die
man dem Sozialismus wirksam entgegenstellen kann: die des Liberalismus." Gleiches
gilt im Kampf gegen rechte Ideen. Deshalb müssen Liberale für den Wert der
individuellen Freiheit werben und die Vorzugswürdigkeit einer freiheitlichen
Gesellschaftsordnung mit Argumenten herausstellen.
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