Sonntag, 2. Oktober 2011

Die deutsche Einheit als ordnungspolitische Lehre für Europa

Eine Nation braucht Gemeinsamkeiten der Bürger - aber auch Wettbewerb zwischen ihnen. Die deutsche Einigung war auch ein Ringen um friedlichen Wettbewerb. Zentralismus und Sozialismus sind Rückschritte auf diesem Weg zur Einheit. Europa muß von den deutschen Fehlentscheidungen lernen. Die Lehre aus der deutschen Einheit: Nur ein freiheitliches Europa kann gelingen.



Eine Nation braucht Gemeinsamkeiten der Bürger - aber auch Wettbewerb zwischen ihnen

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er löst Probleme zusammen mit Anderen, er kommt gemeinsam ans Ziel. Menschen sprechen mit anderen Menschen und können deren Ziele abschätzen. Man schließt sich zusammen, nicht nur in Familien, Stämmen, Völkern und Nationen, sondern auch in Interessengemeinschaften, Parteien, Unternehmen und so weiter. Die Kooperation gelingt dabei besser, wenn Gemeinsamkeiten da sind. Besonders gut ist der Zusammenhalt in Familien, Verwandtschaft stiftet Gemeinschaft, für niemanden opfern wir mehr als für unsere Kinder. Aber auch geteilte Werte oder Lebensziele können die Grundlage erfolgreicher Kooperation sein. Douglass North, der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1993, sprach von geteilten mentalen Modellen.[1] Auch die Deutschen sind durch menatale Modelle verbunden. Geschichte, christlicher Glauben, Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Kultur sind hier zu nennen. Von besonderer Bedeutung für die Selbstfindung und für das Selbstverständnis erscheint mir aber im Falle der deutschen Nation die gemeinsame Sprache.

Gemeinsamkeiten sind die Grundlage für Gruppenbildung, aber Gruppenzugehörigkeit garantiert noch keine Zielerreichung. So bringt die Gruppe auch Aufwand mit sich, etwa in Form von Steuern, Beiträgen, politischem Engagement und so weiter. Nur wenn die Gruppe zur Zielerreichung beiträgt, lohnt sich für den Einzelnen der Aufwand. Es müssen Anreize da sein, dass niemand der Gruppe Schaden zufügt, und Anreize dafür, die eigene Kraft zugunsten der Anderen in die Gruppe einzubringen. In einer Familie oder in einem Stamm mag als Anreiz die Strenge eines Oberhauptes ausreichen. In der Komplexität eines modernen Nationalstaates sind andere Mechanismen notwendig. In marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften schützen Privateigentum und Rechtsstaat vor der Willkür Anderer, der Mechanismus des Wettbewerbs sorgt dafür, dass Anstrengungen auf die Bedürfnisse von Gruppenmitgliedern gelenkt werden. Solche Einrichtungen funktionieren aber nur auf der Grundlage der erwähnten Gemeinsamkeiten, die die Gruppe zusammenhalten.

Die deutsche Einigung war auch ein Ringen um friedlichen Wettbewerb

Auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten ist es möglich, durch friedlichen Wettbewerb die gemeinsame Stärke auszubauen. Im Zuge der Vereinigung der Deutschen in den letzten Jahrhunderten wurde dieses Prinzip immer stärker verwirklicht. Es war ein langer Weg. Am Anfang standen dezentral organisierte, freiheitsliebende germanischen Stämme. Unter zunehmendem römischem und christlichem Einfluß nahm der Organisationsgrad zu. Aber gerade die Vielzahl von Kleinstaaten auf deutschem Boden förderte den Wettbewerb. Und zwar nicht nur den Wettbewerb zwischen Handwerkern und Kaufleuten, sondern insbesondere auch den Wettbewerb der politisch Verantwortlichen um die Gunst ihrer Untertanen. Diese konnten den Herrscher wechseln, wenn ihnen das Verhältnis von Leistung des Staates zum Steuerpreis nicht passte. Die persönlichen Kosten eines Standortwechsels waren durch die gemeinsame Sprache und räumliche Nähe oft gering, und so mußten Herrscher um Steuerbürger wetteifern und ihre Verwaltungen optimieren. Durch den deutschen Zollverein wurde 1833 eine Wirtschaftseinheit geschaffen, die die Industrialisierung ermöglichte. Die Gründung des Norddeutschen Bundes 1866 öffnete die Grenzen weiter und verstärkte den Wettbewerb. Das führte zu einem weiteren Aufschwung von Handel und Wirtschaft. Unterbrochen durch schlimme Kriege kam es in der Bundesrepublik zu einer föderalen Wettbewerbsordnung.

Die Gemeinschaft der Nation kann, sofern sie auf Gemeinsamkeiten aufbaut und den Wettbewerb fördert, die produktiven Kräfte entfalten. Nationalstaaten können so zu Frieden, Wohlstand und individueller Freiheit beitragen. Dabei sind es die Fähigkeiten und Begabungen der vielen Einzelnen, die durch eine passende Wirtschaftsordnung kultiviert werden und durch die der Staat nach außen hin stark wird und so erst Freiheit im Inneren ermöglichen.

Zentralismus und Sozialismus sind Rückschritte auf dem Weg zur Einheit

Die Einigung der Deutschen in den letzten Jahrhunderten war auch ein Ringen um eine Ordnung, die Frieden, Freiheit, Produktivität und Stärke ermöglicht. Nationalsozialismus, Sozialismus und Kommunismus waren Rückschritte auf diesem Weg. Gemeinschaft braucht Gemeinsamkeiten. Einigkeit kann nicht auf der Grundlage von Ideologien und Werten erzwungen werden, die nicht oder nicht vollständig von den Gruppenmitgliedern geteilt werden und die auch nicht den geschichtlich überlieferten Werten entsprechen. Außerdem kann die wohlstandsschaffende Kraft des Wettbewerbs nicht ersetzt werden durch zentrale Planung und Kommandowirtschaft. Der moralische und wirtschaftliche Niedergang war mit dem Einzug der kollektivistischen Ideologien in Deutschland vorprogrammiert.

Mit der Wiedervereinigung des Jahres 1990 war ein weiterer Rückschritt verbunden. Zwar war der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober vor 11 Jahren ein historisch überfälliger, notwendiger und richtiger Schritt. Aber im Zuge der Vereinigung wurde nicht auf die Kräfte des Wettbewerbs zurückgegriffen, die Deutschland in der Geschichte immer voran gebracht hatten. Die produktiven Kräfte der Ostdeutschen wurden nicht ausreichend genutzt. Statt dessen wurden Leistung und Wettbewerb durch Tarifbindung der Löhne, Einführung der DM zu ökonomisch unrealistischen Wechselkursen und durch Transfers untergraben. Und das, obwohl die Westdeutschen mit dem Wirtschaftswunder in der jüngeren Geschichte einen weiteren Beleg für die segensreiche Kraft von Marktwirtschaft, Wettbewerb und Privateigentum erhalten hatten. Ordnungspolitische Gedanken kamen bei der Vereinigung kaum zur Anwendung. Die Zielsetzung war nicht, die zeitweise getrennten Teile Deutschlands in einer möglichst produktiven Weise miteinander zu vereinen. Das Leitbild der Wiedervereinigung war zentralstaatliche Umverteilung und nicht die Erlangung von Stärke durch Wettbewerb. Die Folge sind entvölkerte Landstriche, hohe Arbeitslosigkeit und unnötig hohe Staatsschulden. Die wohlstandsschaffende Kraft eines produktiven Wettbewerbs, der auf gemeinsamen Grundwerten beruht - eine wichtige Erfahrung aus der deutschen Geschichte - wurde aus den Augen verloren.

Europa muß von den deutschen Fehlentscheidungen lernen

Auch die europäische Einigung kann beschrieben werden als das Ringen um Freiheit und  Stärke durch den friedlichen Wettbewerb der Völker Europas. Leider wurde dieser Weg allzu häufig kriegerisch unterbrochen. Dennoch war die Einigung Europas schließlich möglich, und zwar auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Vorstellungen. Eine zentrale Gemeinsamkeit der Europäer ist der christliche Glaube. Auf der Grundlage der geteilten Werte ist es gelungen, gemeinsame Institutionen und Regeln anzuerkennen und in friedlichem Wettbewerb zu kooperieren. Gemeinsam hat man die Herausforderungen der Globalisierung angenommen. Besonders die Montanunion von 1951 und die Römischen Verträge von 1957 zeigen eine ordnungspolitische Handschrift. Durch die Grundfreiheiten - Freihandel, Freizügigkeit sowie die Freiheit von Dienstleistungen und Kapital - wurde Wettbewerb europaweit möglich. Durch die Vereinheitlichung von Standards und Normen werden abgeschottete Märkte geöffnet. Europäische Wettbewerbspolitik kann effektiver gegen Machtanballungen in der Wirtschaft vorgehen. Durch diese Maßnahmen konnten sich produktive Kräfte der europäischen Völker besser entfalten.

Doch die segensreiche Einigung ist längst ins Stocken geraten! Der freiheitlichen europäischen Bewegung stehen bedenkliche Entwicklungen gegenüber, die sowohl die Einheit als auch die Stärke Europas schwächen. So gibt es zunehmend Tendenzen zu mehr Umverteilung und Zentralstaatlichkeit. Im Rahmen der Struktur-, Agrar- und Sozialpolitik werden seit Jahren Milliarden umverteilt und dadurch wirtschaftliche Anreize genommen. Der zunehmende Trend zur Harmonisierung kommt einer wettbewerbsfeindlichen Kartellbildung der Politik gleich. Besonders deutlich zeigen das die Rufe nach mehr Steuerharmonisierung. Sie soll dem Bürger Wahlmöglichkeiten nehmen. Doch einem monopolistisches Politikangebot an den Bürger droht das gleiche Schicksal wie allen Monopolen - Stillstand und Innovationslosigkeit. Hinzu kommt die wettbewerbsfeindliche Finanzpolitik der Europäischen Union, insbesondere in den letzten Monaten. Wenn "Europa seine Fersager füttert", kommen Fortschritt, Innovation und Leistung zum Stillstand. Doch das kann sich Europa angesichts der aufstrebenden Schwellenländer nicht leisten.

Die Lehre aus der deutschen Einheit: Nur ein freiheitliches Europa kann gelingen

Sozialistische und zentralistische Europapolitik bringen Europa nicht weiter. Integration gelingt nicht durch Zentralstaatlichkeit, sonder durch geordneten und friedlichen Wettbewerb, der auf Gemeinsamkeiten angewiesen ist. Mit Umverteilung und Zentralisierung kann man zwar kurzfristig Konflikte vermeiden. Doch sie gefährden die Einheit und Wettbewerbsfähigkeit Europas. Das muß Europa von der Wiedervereinigung Deutschlands ab dem 3. Oktober 1990 lernen. Außerdem kann Integration nicht auf der Grundlage einer säkularen Ideologie gelingen,[2] sondern muß sich auf die stärkste Gemeinsamkeit der Völker Europas aufbauen, auf dem christlichen Glauben.

Ein Europa, das durch friedlichen Wettbewerb auf der Grundlage seiner gemeinsamen christlichen Wurzeln die reichlich vorhandenen Produktivkräfte zur Geltung bringt, hat einen festen und sicheren Platz in der globalisierten Welt. Ein Europa, das sich an Zentralismus klammert und sich gegen Wettbewerb stemmt, hat sich von seiner Geschichte gelöst, seine Werte und Ziele aufgegeben und damit seine Stellung in der globalisierten Welt verspielt.


[1] North, Douglass (1990): Institutions, Institutional Change and Economic Performance, Cambridge, Cambridge University Press.
[2] Ratzinger, Josef (2011): Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011, in,

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