Politiker haben die
Aufgabe, Gut und Böse zu unterscheiden. Das Christentum ist kein politisches
System. Positivismus gefährdet die "Ökologie des Menschen" und die
liberale Gesellschaftsordnung. Die Werte der Freiheit sind Gottglauben,
Vernunft und Rechtsdenken.
Politiker haben die
Aufgabe, Gut und Böse zu unterscheiden
Als eine der ersten Stationen seiner Deutschlandreise
besuchte Papst Benedikt XVI. Joseph Ratzinger am 22. September 2011 den
Deutschen Bundestag. Im Vorfeld der angekündigten Rede wurde in Deutschland heftig
über den Besuch diskutiert. Mehrere Bundestagsabgeordnete kündigten ihr
Fernbleiben an. Dennoch bekam Ratzinger am Ende regen Beifall von Politikern
aller Fraktionen.
Ich bin der Meinung, dass die Ansprache Ratzingers die
freiheitlichen Kräfte in Deutschland gestärkt hat. Für den Liberalismus in
Deutschland war es eine gute Botschaft. Ratzinger stellte die Frage in den
Mittelpunkt, wie Politiker zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch
unterscheiden können. Er erinnerte an den jungen König Salomo, dem Gott bei
Beginn seiner Amtszeit die Erfüllung eines Wunsches angeboten hat. Salomo wünschte
sich ein "hörendes Herz", die Fähigkeit, das Gute zu erkennen. Allgemein
müsse Politik ein Mühen um Gerechtigkeit sein, hierbei könne die Politik auch
scheitern. Er erinnert an das Dritte Reich, in dem das Recht nicht mehr gerecht
war, und zitiert Augustinus: "Nimm das Recht weg - was ist dann ein Staat
noch anderes als eine große Räuberbande." Ratzinger bemerkte übrigens auch,
dass die Meinung der Mehrheit nicht automatisch zum Guten führe - ein Problem,
mit dem auch liberale Denker ihre Probleme hatten.[1] Doch
wie kann das Unterscheiden von gutem und bösem Recht gelingen?
Das Christentum ist
kein politisches System
Die Frage moralisch guter politischer Entscheidungen sei in
der Geschichte durchgängig religiös beantwortet worden. Das Christentum sei
aber einen anderen Weg gegangen! Das Christentum stelle ausdrücklich keine
politische Ordnung dar.[2]
Statt dessen, so Ratzinger, verweise der christliche Glaube in
politisch-rechtlichen Fragen einerseits auf die Vernunft und andererseits auf
die Natur. Die Natur ist dabei in seiner Sichtweise als von Gott geschaffen
anzuerkennen, so dass Göttlichkeit und Natur untrennbar sind. Ratzinger verwies
in diesem Zusammenhang auf den Römerbrief Kapitel 2,14f. Dort erläutert Paulus,
dass auch Heiden den Gesetzen der Bibel entsprechend handeln können,
gewissermaßen aus ihrem inneren Verständnis für das Gute heraus. Ich würde hier
gerne Römer 1,19f und Hebräer 11,3 ergänzen. Denn auch diese Stellen verweisen
auf Vernunft und Erkenntnis, mit denen das Göttliche in der Natur wahrgenommen
werden kann. Dieses Vertrauen auf Vernunft und Natur, so Ratzinger, habe zusammen
mit dem römischen Recht und der stoischen Philosophie zur Entwicklung eines
Verständnisses von Humanität und Menschenwürde geführt und ermöglichte
letztlich die Erklärung der Menschenrechte.
Positivismus und die
"Ökologie des Menschen"
Diese Errungenschaften seinen jedoch in unserer Gesellschaft
in Gefahr. Und zwar durch die naturwissenschaftlich geprägte Weltsicht, den
Positivismus. Ratzinger kritisiert zwar nicht die Leistungen der
Naturwissenschaft. Aber es werde zunehmend versucht, alle Phänomene durch
Ursache und Wirkung zu erklären. Dabei werde nicht mehr auf (scheinbar)
subjektive Überzeugungen Bezug genommen. Dieser kulturlose Positivismus müsse
auch als Grundlage für das Zusammenwachsen Europas herhalten. Diese positivistische,
menschengemachte Denkwelt gleiche einem Betonbau ohne Fenster, ohne Verbindung zum
Licht der größeren Außenwelt. In diesem Zusammenhang lobte Ratzinger auch die
Ökologiebewegung. Sie habe die Grenzen dieses Denkens überwunden, um auf etwas
Größeres - die Würde von Natur und Schöpfung - Bezug zu nehmen. Ebenso müsse
die Politik die Würde, die "Ökologie des Menschen", anerkennen. Der
Mensch habe sich nicht selbst geschaffen, er stehe also in einem gewissen
Kontext, der nicht manipulierbar sei. Darin manifestiert sich zwar die Freiheit
und Würde des Menschen, allerdings habe sich die Freiheit auch daran zu messen.
Ratzinger hat es vor dem Bundestag unterlassen, zu
konkretisieren, wie diese "Ökologie des Menschen" heutzutage durch
die Politik gefährdet ist. Sicher wäre das auch unangebracht gewesen. Dennoch
möchte ich die Frage stellen, wo diese Natur des Menschen heute verletzt werden
könnte. Wenn die Ökologie des Menschen dem entspricht, wie Gott den Menschen in
der Bibel beschreibt, dann sind in Deutschland sicher viele Reibungspunkte denkbar.
Ich denke dabei an die vergangene Entscheidung zur Präimplantationsdiagnostik
oder an die Diskussionen um die Sterbehilfe. Auch bei der konkreten
Ausgestaltung unserer Wirtschafts- und Finanzordnung könnten sich Fragen
auftun. Auch in der Geschlechter- und Familienpolitik könnte die Ökologie des
Menschen gefährdet sein.
Bezug zum Klassischen
Liberalismus: Hayeks Kritik des Szientismus
Für Liberale ist an dieser Stelle interessant, dass auch Friedrich
August von Hayek den Positivismus bekämpft hat, aber nicht aus theologischen,
sondern aus ökonomischen Gründen. Als Student war Hayek noch ein glühender
Anhänger der Idee, alle gesellschaftlichen Phänomene naturgesetzlich erklären
zu wollen. Durch seine intensive Arbeit auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie
kam er aber zu dem Schluß, dass naturwissenschaftliche Methoden das nicht
leisten können.[3] Hayek kritisierte den Positivismus
nicht, weil mit naturwissenschaftlichen Herangehensweisen keine Unterscheidung
zwischen Gut und Böse möglich ist. Er kritisierte den "Szientimus",
wie er das um sich greifende naturwissenschaftliche Denken auch nannte, wegen
der grundsätzlichen Untauglichkeit dieser Methoden bei der Beantwortung gesellschaftlichen
Fragen. Daraus ergibt sich seine Warnung vor einer Anmaßung von Wissen bei
politischen Entscheidungen. Hayek mahnt, eher auf Traditionen und auf
überlieferte Werte zu vertrauen. Hierin sei das Wissen der Vergangenheit
"gespeichert".
Die Werte der
Freiheit: Gottglauben, Vernunft und Rechtsdenken
Letztlich wenden sich Ratzinger und Hayek mit ihrer
Positivismuskritik gegen ein freiheitsfeindliches Phänomen. Und zwar gegen die
Selbstüberschätzung des Menschen. Ratzinger sorgt sich darum, dass der Mensch bei
politischen Entscheidungen vor lauter Beschäftigung mit Ursachen und Wirkungen
das Gewissen aus den Augen verliert. Dann wäre die moralische Tragfähigkeit des
politischen Systems gefährdet. Hayek warnt vor Sozialkonstruktivismus, der die
Weisheit von Traditionen und überlieferten Werten verachtet. Gemeinsam ist
ihnen die Warnung vor einer Überschätzung des menschlichen Intellekts und die
Mahnung, sich bei politischen Entscheidungen an unserem kulturellen Erbe zu
orientieren. Beide betrachten als Kern dieses Erbes den christlichen Glauben,
die philosophische Vernunft der Griechen und das Rechtsdenken Roms. Politiker
sollten, so verstehe ich den Rat Ratzingers, bei moralischen Entscheidungen
auch auf Erkenntnisquellen jenseits der positivistischen Denkwelt zu vertrauen.
die Möglichkeit hierzu ist in der Schöpfung angelegt, etwa durch unsere
Vernunft, das Gewissen und auch durch göttliche Offenbarung. Gleichzeitig
sollten Politiker auch auf die Gestaltungskraft der Individuen vertrauen und
nicht alle Lebensbereiche politische durchplanen zu wollen. Das römische
Rechtssystem ermöglicht diese Aufgabenteilung zwischen Privat und Staat. So
verstehe ich die Positivismuskritik Hayeks.
Liberalen sollte der enge Zusammenhang von Freiheit und
christlichen Werten, Vernunft und Rechtsstaatlichkeit bewußt sein. Losgelöst
von diesen Werten ist Freiheit nicht möglich. Die Wertschätzung des einzelnen
Menschen liegt in dieser abendländischen Kultur begründet. Hierin, in der Würde
des Menschen, liegt die moralische Legitimation des Liberalismus. In ihr liegt auch
die Begründung des Liberalismus als eigenständige und unabhängige politische
Kraft.
[1] Siehe mein Artikel
"Das Spannungsverhältnis von Liberalismus und Demokratie" auf
FreieWelt.net.
[2] Siehe auch
Nutzinger, Hans (2005): Im Reich Gottes
geht es anders zu. Das Neue Testament eignet sich nur wenig zur Ableitung eines
unmittelbaren ordnungspolitischen Anspruchs, Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 24. Dezember 2005, S. 13..
[3] Vgl.
Sprich, Christoph (2008): Hayeks Kritik
an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption. Die Sensory Order
im Lichte anderer Erkenntnistheorien, Bd. 97, Hochschulschriften, Marburg,
Metropolis.,
S. 101ff.
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