Sonntag, 9. Oktober 2011

Durch Freihandel zu Wohlstand, Frieden und einer gerechteren Globalisierung

Seit der Krise nimmt der Protektionismus weltweit zu. Freihandel schafft nicht nur Wohlstand, sondern er ermöglicht auch Frieden und die Schonung von Ressourcen. Und das nicht nur im Westen, sondern auch in Entwicklungsländern. Es geht um die "Soziale Frage" im globalen Maßstab. Für eine gerechte Globalisierung muß Freihandel weltweit verwirklicht werden.



Protektionismus auf dem Vormarsch

Pascal Lamy, Präsident der Welthandelsorganisation, hat letzte Woche bei der Deutschen Bank in Berlin vor der Abschottung von Märkten gewarnt. Die Finanzkrise sei ein Nährboden des Protektionismus. Im letzten Halbjahr habe es besorgniserregende Entwicklungen gegeben. Dabei verstehe er, dass leidtragende Menschen vom Staat geschützt werden wollen.[1]

Auch die Europäische Kommission warnt in ihrem siebten Bericht zu potentiellen Handelsbeschränkungen vor einer weltweiten Zunahme des Protektionismus. Viele Länder haben als Reaktion auf die Finanzkrise protektionistische Maßnahmen ergriffen. Seit Krisenbeginn seien weltweit 332 Handelsbeschränkungen eingeführt, aber nur 32 abgeschafft worden.[2]

Besonders abhängig vom Freihandel ist Europa. Die EU ist mittlerweile der größte Handelsblock der Welt und sowohl größter Empfänger als auch größte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Deutschland  ist die stärkste Handelsnation Europas. Mehrere Jahre lang war Deutschland Exportweltmeister, mit einer Exportquote von fast 50 Prozent wird bei uns etwa jeder zweite Euro im Ausland verdient.

Freihandel und die "Soziale Frage" der Globalisierung

Freihandel bedeutet aber weit mehr als nur die Verteidigung des westlichen Reichtums. Freihandel ist Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Offene Grenzen sind deshalb eine zentrale Herausforderung der Globalisierung. Die UNO erwartet, dass bis 2030 etwa 8 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Es geht um die Frage, wie die Ernährung der rasch wachsenden Weltbevölkerung durch eine nachhaltige Wirtschaftspolitik gelingen kann.

Im Zuge der Industrialisierung und der damit verbundenen Bevölkerungsexplosion standen Ökonomen und Politiker im Westen vor dem Problem der "Sozialen Frage". Heute stellt sich die gleiche Frage. Aber es geht nicht mehr nur um Fabrikarbeiter in Europa, sondern um die Weltbevölkerung. Was Walter Eucken 1926 in Bezug auf die deutsche Wirtschaftsordnung festgestellt hat, gilt auch für die Globalisierung: "Der Zwang, so gewaltige Bevölkerungsmassen menschenwürdig zu erhalten, erfordert in der Tat gebieterisch die rationellste Wirtschaftsführung. Die Wirtschaftsform, in der am produktivsten gearbeitet wird, ist die einzige, die heute bestehen kann. Diese Wirtschaftsform ist aber der Kapitalismus."[3] Im globalen Zusammenhang ist der Freihandel das zentrale Element der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Freihandel überwindet Armut und schont die Umwelt

Freihandel fördert Wohlstand und überwindet Armut. Adam Smith erkannte: Marktausdehnung ermöglicht wirtschaftliche Spezialisierung. Durch diese Spezialisierung wächst die Produktivität, und um so besser werden die vorhandenen Ressourcen genutzt. Zwar kann Freihandel den Wohlstand nicht aus dem Nichts erzeugen. Offene Grenzen ersetzen nicht die Produktion. Aber durch eine spezialisierte und industrielle Arbeitsweise können Arbeitskraft, Rohstoffe und Energie klüger eingeteilt werden. So profitieren Mensch und Umwelt von der Ausdehnung von Märkten. Bei gleicher Beanspruchung der Ressourcen kann der Wohlstand allein durch die Öffnung von Grenzen erhöht werden. Oder, andersrum gedacht, durch Marktöffnung wird die Schonung von Mensch und Umwelt möglich, ohne auf Wohlstand verzichten zu müssen. David Ricardo ergänzte den Grundgedanken von Smith durch die Überlegung, dass Länder ihre komparativen Vorteile im Handel ausnutzen können.

Glücklicherweise überwindet der Freihandel die Armut nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Die Globalisierung ist die Vollendung der Marktausdehnung, und die schreitet seit Jahrzehnten voran. Gleichzeitig sinken trotz steigender Weltbevölkerung weltweit Säuglingssterblichkeit und Unterernährung. Die Menschen leben immer länger, überall auf der Welt. Der Lebensstandard, gemessen am Human Development Index der UNO, nimmt kontinuierlich zu.[4] Die Lebensverhältnisse von arm und reich gleichen sich weltweit immer weiter an, die Schere zwischen arm und reich nimmt ab.[5] Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Freiheit, Freihandel und globalem Wohlstand läßt sich nicht leugnen. Länder, die auf wirtschaftliche Freiheit und offene Grenzen setzen, haben ein höheres Einkommen und ihre Wirtschaft wächst schneller. Auch sind Lebenserwartung, Alphabetisierung und Gesundheitsversorgung in freien Ländern besser als in Ländern, die auf Unfreiheit setzen.[6]

Der Freihandel hat Erfolgsgeschichte geschrieben

Nicht nur die Zahlen, auch die Geschichte bestätigt den Zusammenhang zwischen Freihandel und Wohlstand. In Deutschland wurde durch den deutschen Zollverein 1833 eine Wirtschaftseinheit geschaffen, die Freihandel und Industrialisierung ermöglichte. Die Gründung des Norddeutschen Bundes 1866 öffnete die Grenzen weiter und verstärkte den Wettbewerb, ein Aufschwung von Handel und Wirtschaft war die Folge. In England führten noch Anfang des 19. Jahrhunderts Zölle und Marktabschottung zu bitterer Armut. Wegen der "Corn Laws" und anderer Handelsschranken mußten Arbeiter hungern. Sie waren es, die sich für die Freihandelsbewegung um Richard Cobden stark machten und dadurch den "Manchesterliberalismus" mit Leben füllten. Die Bürgerbewegung der Manchesterliberalen setzte sich durch, Protektionismus wurde abgebaut, eine Wohlstandsexplosion war die Folge. Zwischen 1850 und 1900 hatte sich das Einkommen der Arbeiter fast verdoppelt! Arbeitervereine feierten die Freihändler und bauten Cobden ein Denkmal.[7]
Heute werden die Erfolge des Manchesterliberalismus durch Freiheitsfeinde verunglimpft. Und dennoch zeichnet die Geschichte ein deutliches und düsteres Bild von Politikern, die auf Zäune und Zölle setzen. Der Niedergang des Kommunismus, die Armut in Kuba und Nordkorea sind traurige Beispiele.

Es geht nicht nur um materielle Werte

Freihandel ist weit mehr als materieller Wohlstand. Es geht darum, weltweit mit Menschen zusammenarbeiten zu können. Es geht um die Aufhebung der Diskriminierung zwischen Ausländern und Inländern. Es geht um Frieden und Freiheit. Der Markt ist der Ort der freien Willensentscheidung, der Staat ist das Zuhause des monopolisierten Zwangs. Deshalb nannte der liberale Denker Friedrich August von Hayek die Marktordnung auch Katallaxie, angelehnt an das griechische Verb katallattein, das so viel bedeutet wie "in die Gemeinde aufnehmen" oder "vom Freund zum Feind machen".[8] Menschen, die miteinander Handel treiben, haben weniger Grund Kriege anzuzetteln.

Nachdem in der Folge der Freihandelsbewegung um Richard Cobden in ganz Europa Handelsschranken und Schlagbäume niedergerissen wurden, erlebte der Kontinent ausgesprochen friedliche Jahrzehnte. Doch Hayek und sein früher Mentor Ludwig von Mises mußten erleben, wie Anfang des 20. Jahrhunderts nach dem Handel auch der Frieden beendet wurde. Auch deshalb sind die Ideen von Mises pazifistisch geprägt. In seinem Buch "Liberalismus" führt er 1927 aus: "Das entscheidende unwiderlegbare Argument gegen den Krieg holt der Liberalismus aus der Tatsache der internationalen Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung überschreitet schon lange die Grenzen der politischen Gemeinschaft. Kein Kulturvolk befriedigt heute seine Bedürfnisse selbstgenügsam unmittelbar durch eigene Produktion. Alle Völker sind darauf angewiesen, Waren aus dem Ausland zu beziehen und durch Ausfuhr von eigenen Erzeugnissen zu bezahlen. Die Unterbindung des internationalen Warenaustausches würde die Menschheit kulturell schwer schädigen, würde den Wohlstand, ja die Existenzgrundlage von Millionen von Menschen untergraben. In einem Zeitalter, in dem die Völker wechselseitig auf die Erzeugnisse ausländischer Produktion angewiesen sind, können Kriege nicht mehr geführt werden."[9]

In der Europäischen Union wurde seit Errichtung des Binnenmarktes kein Krieg mehr geführt. Doch ein Blick auf die internationale Wirtschaftskrise und den weltweiten Protektionismus weist uns darauf hin, dass die Weltwirtschaftsordnung noch nicht so weit ist, eine Grundlage für einen Weltfrieden sein zu können.

Weltweiter Freihandel braucht weltweite Regeln und Institutionen

Liberale Denker des 20. Jahrhunderts wie Walter Eucken, Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises dachten schon während des Weltkriegs intensiv über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine friedliche Welt nach. Diese Liberalen der neuen Zeit - die "Neoliberalen" - orientierten sich an den alten Ideen des Klassischen Liberalismus. Diese Ideen waren es, die 100 Jahre vorher zu Frieden und Wohlstand geführt hatten. Die Plädoyers der Neoliberalen haben mit dazu beigetragen, dass in den letzten Jahrzehnten Institutionen geschaffen werden konnten, die einen friedlicheren Umgang der Staaten miteinander fördern. Die Errichtung von IWF, Weltbank, OECD, WTO und auch der EU sind nur einige Beispiele.
Das Resultat läßt sich sehen. Im Vergleich zu den 50er-Jahren werden heute weltweit rund 250 Mal mehr Güter gehandelt. Im Wirtschaftswunder konnten die Deutschen den Aufschwung durch Freihandel und liberaler Wirtschaftspolitik am eigenen Leib erleben. Deutschland war jahrelang Exportweltmeister, und zunehmend sind auch Schwellenländer sichtbare Gewinner der Globalisierung. Noch wichtiger ist aber, dass Kriege zwischen den Ländern der westlichen Welt der Vergangenheit angehören.

Freihandel global verwirklichen

Doch die große Idee der Freihändler ist noch nicht verwirklicht. Handelsschranken sind auch heute eher die Ausnahme als die Regel, und immerzu werden neue aufgerichtet. Dadurch werden Wohlstandschancen verbaut, werden wertvolle Ressourcen nicht optimal genutzt. Im Falle weiterer Wirtschaftskrisen könnte eine weltweite Spirale des Protektionismus in Gang kommen, auch gewaltsame Konflikte wären nicht ausgeschlossen. Doch so weit darf es nicht kommen. Pascal Lamy hatte recht, als er letzte Woche in Berlin sagte: "Die Ironie [des Protektionismus] besteht darin, dass handelpolitische Schutzmaßnahmen gar niemanden beschützen." Auch die genannten internationalen Institutionen können nur in engen Grenzen wirken. Sie müssen weiterentwickelt werden. Dabei brauchen sie Rückendeckung von liberal eingestellten Politikern in den Industrieländern.

Es geht um viel. Es geht um nicht weniger als um die Soziale Frage, die sich im globalen Maßstab neu stellt. Wie wird es möglich sein, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren? Wie können wir nachhaltig mit unseren endlichen Ressourcen umgehen? Und zwar so, dass auch nachkommende Generationen in Wohlstand leben können? Ein Schlüssel zu weltweitem und nachhaltigem Wohlstand, zu einer gerechten Globalisierung, ist der Freihandel.


[1] World Trade Organziation (2011): Lamy makes a strong plea for global co-operation. Rede bei der Deutschen Bank in Berlin am 6. Oktober 2011, abrufbar unter www.wto.org.
[2] Europäische Kommission (2011): Seventh report on potentially trade restrictive measures identified in the context of the economic crisis, Brüssel.
[3] Eucken, Walter (1926): Die geistige Krise und der Kapitalismus (veröffentlicht unter dem Pseudonym "Dr. Kurt Heinrich"), in: Die Tatwelt. Zeitschrift für Erneuerung des Geisteslebens, Ausgabe: Januar/März 1926, S. 13-16.
[4] Norberg, Johan (2001): In Defence of Global Capitalism, Stockholm, Timbro.
[5] Sala-I-Martin, Xavier (2006): The World Distribution of Income: Falling Poverty and. Convergence, Period, in: Quarterly Journal of Economics, Ausgabe: CXXI (2), S. 351-397.
[6] Gwartney, James/Lawson, Robert/Hill, Joshua (2011): Economic Freedom of the World: 2011 Annual Report, Fraser Institute.
[7] Doering, Detmar (2004): Mythos Manchestertum. Ein Versuch über Richard Cobden und die Freihandelsbewegung, Position Liberal, Potsdam, Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung.
[8] Hayek, Friedrich August von (1968/1969): Die Sprachverwirrung im politischen Denken, in: Hayek, Friedrich August von (Hrsg.): Freiburger Studien, Tübingen, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), S. 207-229, S. 225.
[9] Mises, Ludwig v. (1927): Liberalismus, Jena, Gustav Fischer., S. 95.

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