Nach einer neuen Studie ist Deutschland das kinderärmste Land Europas. Die Entscheidung für Kinder hängt stärker ab von der Einstellung zum Leben als vom verfügbaren Einkommen. Familienpolitische Instrumente wie das Elterngeld oder der Kita-Ausbau weisen in die falsche Richtung. Es geht darum, die Familie zu stärken und zwischen Wohlstand und Kinderwunsch abzuwägen.
Am 3. August veröffentlichte das Statistische Bundesamt die Ergebnisse der Studie "Wie leben Kinder in Deutschland?". Danach gab es 2010 13,1 Millionen Minderjährige in Deutschland, damit waren 17% der Gesamtbevölkerung jünger als 18 Jahre. Im Jahr 2000 waren es noch 19%. Damit ist Deutschland das kinderärmste Land Europas! Und der Trend wird sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen. Und zwar selbst dann, wenn die Geburtenrate wieder ansteigt und pro Jahr 200 000 Personen zuwandern. Besonders schnell nimmt die Kinderzahl in Ostdeutschland ab, um ein ganzes Drittel in den letzten zehn Jahren.
Welche Faktoren spielen eine Rolle bei der Entscheidung von Menschen, ob sie Kinder bekommen wollen? Ein Faktor ist natürlich der Kinderwunsch, die Motivation. Und die ist weitgehend weltanschaulich bedingt. Menschen müssen im Leben und in der Reproduktion einen Sinn erkennen. Wer am Leben verzagt oder sein Leben rein materiell definiert wird wenig Lust verspüren, das Leben weiterzugeben. Deshalb haben religiöse Menschen mehr Kinder. Der "Reproduktive Vorteil" gläubiger Menschen im Vergleich zu atheistisch geprägten Menschen ohne Religionszugehörigkeit wird vom Religionssoziologen Michael Blume auf bis zu 86% beziffert. Ein weiterer Faktor ist sicher auch die Lebensform von Eltern. Nach wie vor wachsen 75% der Kinder in traditionell geprägten Familien auf. Ein weiteres Kriterium ist die finanzielle Ausstattung der Eltern. Angesichts der bekannten Tatsache, dass die ärmsten Länder die höchsten Reproduktionsraten aufweisen, halte ich dieses Kriterium aber für nicht besonders tragfähig. Zwar gilt auch in Deutschland, dass die Aufzucht von Kindern Geld und Freizeit kostet und mit Unsicherheiten verbunden ist. Der Vergleich mit anderen Kulturen und Gesellschaften zeigt aber, dass sich diese Tatsache gerade bei materiell ärmeren Menschen nicht auf die Reproduktion auswirkt.
Als Begründung für die Armut an Kindersegen wird häufig die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland angeführt. Es wird dann hingewiesen auf die skandinavischen Länder und auf Frankreich, in denen diese Vereinbarkeit besser möglich sei. Den Vergleich mit anderen Ländern halte ich für problematisch. Denn es geht um ein komplexes Problem mit vielen ökonomischen und kulturellen Einflußfaktoren. In Deutschland sollte vielmehr danach gefragt werden, wie die Situation hier, ausgehend von unseren spezifischen Bedingungen verbessert werden kann. Außerdem halte ich die Thematisierung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erst in einem zweiten Schritt für angemessen. Im ersten Schritt sollte man sich klar machen, dass Kinder Lebenszeit und damit Lebenseinkommen kosten. Diese Lebenszeit kann eben nicht gleichzeitig in Karriere und Erwerbstätigkeit investiert werden. Offensichtlich wird in Deutschland nicht genügend Zeit und Mühe in Kinder "eingetauscht". Es geht also vorrangig um die Frage Familie oder Beruf und erst in einem zweiten Schritt um die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Angesichts der besonderen Dramatik einer aussterbenden Bevölkerung und des drohenden Kollapses der Umverteilungssysteme sollten die politischen Lösungsvorschläge den Kern des Problems treffen. In einer freien Gesellschaft sollte es ohnehin keine Selbstverständlichkeit sein, dass der Staat bestimmte Lebensformen oder Lebensziele besonders fördert. Die Förderung von Kinderreichtum, also die Förderung der Reproduktion des Staatsvolks durch den Staat ist allerdings weitestgehend gewünscht. Durch unsere umlagebasierten Sozialversicherungssysteme ist sie außerdem unausweichlich. Die Förderung sollte dann aber sparsam mit Steuergeldern umgehen. Außerdem sollte sie so wenig wie möglich Kollateralschaden an bewährten Institutionen wie Ehe und Familie anrichten. Letztlich sollte sie das Ziel einer Erhöhung der Reproduktion erreichen und nicht etwa andere Ziele verfolgen wie etwa die Gleichstellung der Frau im Beruf. Einige bestehende Regelungen oder politische Konzepte der Familienpoitik möchte ich hier herausgreifen:
- Das Ehegattensplitting begünstigt mit der Ehe diejenige Lebensform steuerlich, die bis heute den größten reproduktiven Vorteil aufweist. Sie bietet einen Anreiz dafür, dass ein Lebenspartner Lebenszeit weg von der Erwerbstätigkeit in Richtung Familie lenkt. Allerdings besteht die Gefahr von Mitnahmeeffekten durch diejenigen, die zwar verheiratet sind, aber keine Kinder haben. Eine Korrektur bietet möglicherweise die Ersetzung durch ein sogenanntes Familiensplitting.
- Das Elterngeld ist nicht darauf angelegt, dass Menschen ihre Lebensplanung in Richtung mehr Zeit für Kinder und Familie verändern. Im Gegenteil. Das Konzept ist vielmehr darauf angelegt, dass Menschen mit einem bestehenden Kinderwunsch ihre Disposition in Richtung mehr Erwerbsarbeit anpassen. Frauen, die ihre Lebensplanung auf Ehe und Familie ausrichten, erhalten nun einen Anreiz, vor der Familiengründung noch ihre Qualifikation und ihr Einkommen zu maximieren. Denn das Elterngeld bemißt sich ja am letzten Einkommen der Eltern, und nicht etwa daran, was Kinderaufzucht kostet. Das Anreizelement der "Vätermonate" ist zusätzlich auf die Ablösung des traditionellen Familienmodells hin angelegt. Das Elterngeld zielt offensichtlich darauf ab, Frauen stärker in die Erwerbstätigkeit einzubinden, ist aber in reproduktiver Hinsicht nachweislich wirkungslos.
- Der geplante Ausbau kollektiver Kinderbetreuungseinrichtungen ermöglicht es Eltern, Kinder zu bekommen und im Job zu bleiben. Allerdings findet hier die frühkindliche Erziehung hauptsächlich außerhalb der Familie statt. Familie wird dadurch zumindest teilweise überflüssig. Insofern sollte man hier weniger über Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen. Treffender wäre es, von einem Ersatz der Familie durch Beruf plus außerfamiliärer Erziehung zu sprechen.
- Auch das Kindergeld erleichtert die Entscheidung für Kinder, verändert aber die Disposition im Hinblick auf die Erwerbsarbeit. Allerdings eher in die andere Richtung. Hier besteht die Gefahr in der Realisierung von Mitnahmeeffekte: im Extremfall könnte aus Sicht des Beziehers die Kindererziehung im Hintergrund stehen gegenüber den materiellen Vorteilen. Da das Kindergeld einkommensunabhängig ausgeschüttet wird, ist diese Gefahr bei niedrigen Einkommen relativ größer. Sinnvoller wäre daher eine Erhöhung der Kinderfreibeträge auf Kosten des Kindergelds.
- Kinderfreibeträge auf das verfügbare Einkommen haben einen ähnlichen Effekt wie das Kindergeld, sind aber in gewisser Weise einkommensabhängig. In ihren Genuß kommen nur Personen, die ohnehin schon über ein gewisses Einkommen verfügen, so dass die Gefahr von Mitnahmeeffekten zumindest relativ schwächer ist.
- Ein Betreuungsgeld könnte den nachteiligen Auswirkungen des Ausbaus der kollektiven Kindererziehung auf die Institution der Familie entgegenwirken. Allerdings besteht wie auch beim Kindergeld die Gefahr der Mitnahmeeffekte. Um die Familie zu fördern, sollte das Instrument aber dennoch im Gleichschritt mit dem Kita-Ausbau eingeführt werden. Der gegenüber Müttern entwürdigende Kampfbegriff "Herdprämie" bringt übrigens das Verständnis von Kindererziehung der Familiengegner zum Ausdruck. Für sie besteht die Aufzucht von Kindern darin, am Herd zu stehen und für das physische Überleben der Kinder zu sorgen. Tatsächlich ist Kindererziehung eine Aufgabe der charakterlichen Heranbildung junger Menschen, die mehr als jede andere Aufgabe Hingabe und den vollen Einsatz der Persönlichkeit erfordert.
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 11.08.11 auf www.freiewelt.net.
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