Samstag, 20. Mai 2023

Inflation: Ewiges Trauma oder heilbare Krankheit?

Die Inflation bewegt und gefährdet Deutschland

100 Jahre nach der Hyperinflation von 1923 fürchten sich die Deutschen wieder vor nichts mehr als vor der Inflation. Kein Phänomen unserer Zeit bereitet mehr Sorgenfalten, keine Entwicklung treibt den Menschen mehr Schweißperlen auf die Stirn. Anfang 2023 gaben 31 Prozent der befragten Deutschen an, sich persönlich am meisten vor der Inflation zu fürchten – erheblich mehr als vor Krieg (Platz 2 mit 25%) oder dem Klimawandel (Platz 3 mit 9%). Am stärksten beunruhigt die Inflation dabei die Generation der Verantwortungsträger (40 bis 49 Jahre), während sich vor Kriegen eher die ältere Generation (60 bis 69 Jahre) und vor dem Klimawandel vor allem die jüngere Generation (18 bis 29 Jahre) fürchtet. Am stärksten ausgeprägt ist die Angst vor der Geldentwertung bei den Geringverdienern mit einem schmalen Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1.000 Euro pro Monat. Die Ängste vor Krieg und Klimawandel sind am deutlichsten ausgeprägt bei wohlhabenderen Menschen mit einem Haushaltseinkommen ab 4.000 Euro pro Monat und erscheinen damit fast als Luxusprobleme (INSA-CONSULERE Januar 2023).

Die Inflation verstärkt die ohnehin bestehende Sorge von Wohlstandseinbußen. Diese Sorge ist nicht unbegründet. 78 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass das Wohlstandsniveau in Deutschland in den nächsten Jahren sinken wird. 50 Prozent zog schon Ende 2022 die Bilanz, dass sich ihre wirtschaftliche Lage bereits gegenüber 2021 verschlechtert hat. 58 Prozent der Deutschen bereitet es große oder sehr große Sorgen, dass ihre Ersparnisse durch die Inflation an Wert verlieren (Allensbach Dezember 2022).

Die großen Sorgen der Bevölkerung zeigen die politische Sprengkraft einer Wirtschaftsentwicklung, die Wohlstand raubt, Aufstiegschancen zerstört und die Menschen mit gewaltigen Unsicherheiten konfrontiert. Die Sorgen der Bevölkerung rufen schmerzlich die Überzeugung Lenins in Erinnerung, dass der Kapitalismus am zielsichersten durch die Entwertung seiner Währung zerstört werden könne. Hatte Lenin Recht? Es steht viel auf dem Spiel. Höchste Zeit also, sich dem Problem der Inflation zuzuwenden.

Ursache der Inflation: Missbrauch der Macht über das Geld

Inflation erleben wir alle täglich als Preissteigerung an der Kasse. Die Veränderung einzelner Preise macht aber für sich genommen noch keine Inflation. Die Änderung bestimmter Preise zeigt zunächst nur an, dass sich das Verhältnis von Angebot und Nachfragen in einem bestimmten Markt ändert. Die erhöhte Nachfrage nach Elektroautos und Smartphones erhöht die Preise für bestimmte Rohstoffe, z.B. der Seltenen Erden. Die Corona-Pandemie ließ sowohl Nachfrage als auch Preise für FFP2-Masken und Desinfektionsmittel explodieren. Durch den kriegsbedingten Ernteausfall in der Ukraine ist den Preis für Weizen in die Höhe geschnellt. Das tägliche Auf und Ab bestimmter Preise ist an sich nichts Schlechtes. Im Gegenteil, in einer Marktwirtschaft dienen die Preisänderungen als wertvolle Signale an die Marktteilnehmer. Für Rohstoffunternehmen lohnt es sich plötzlich, neue Lagerstätten zu explorieren. Spirituosenhersteller stellen ihre Produktion auf Desinfektionsmittel um. Verbraucher ersetzen Weizen durch andere Getreide, soweit es ihnen möglich ist.

Für die Gesamtwirtschaft wird es gefährlich, wenn nicht nur einzelne Preise, sondern alle Preise gleichzeitig steigen. Genau das beobachten wir in den letzten Monaten. Im Durchschnitt ist das Preisniveau von 1960 bis 1921 noch um 2,6 Prozent pro Jahr gestiegen, im Jahr 2021 waren es moderate 3,1 Prozent. Im vergangen Jahr 2022 stiegen die Preise dann aber um ganze 7,9 Prozent. Je nach Produktgruppe entwickelte sich das Preisniveau sehr unterschiedlich. Beim Heizöl betrug der Preissprung 87,0 Prozent, Energie insgesamt wurde um 39,1 Prozent teurer. Lebensmittel verteuerten sich um 13,4 Prozent, Fleisch um 14,6 Prozent. Gewichtiger Preistreiber war der Einbruch des Angebots von Gas und Öl im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Da Energie in allen Stufen des Wertschöpfungsprozesses verbraucht wird, machen sich die Preissteigerungen in allen Branchen und Produkten bemerkbar. Nach Einschätzung der Bundesbank war die Energieknappheit 2022 für rund ein Drittel der Preisniveausteigerung verantwortlich. Zuletzt ging die Steigerung des Preisniveaus auf hohem Niveau wieder etwas zurück, lag aber im Dezember immer noch bei 8,6 Prozent. Auf der Suche nach Maßnahmen zur Bewältigung der Inflation reicht der Blick auf die Energiemärkte allerdings nicht aus. Denn: Die Inflation wird zwar derzeit durch die Energiepreise befeuert, dennoch ist Inflation immer und überall vor allem ein monetäres Phänomen. Die Explosion der Preise in der gesamten Breite ist nur erklärbar durch die Steigerung der Geldmenge und durch die Betrachtung der Geldpolitik.

Wie kommt es, dass die Geldmenge derart steigen kann, dass Inflation zu Sorgenfalten führt? Geld ermöglicht Tausch und Arbeitsteilung in großem Stil und erst die Arbeitsteilung ermöglicht wirtschaftliche Spezialisierung und Effizienzgewinne. Geld ist außerdem wichtig als Mittel zur Aufbewahrung von Werten, zur „Konservierung“ von Arbeitsleistung. Je besser Geld als Tauschmittel und als Wertaufbewahrungsmittel funktioniert, desto besser für die Volkswirtschaft und für den Wohlstand des Volkes. Geld kann aber, wie jede Ware, wie jede Dienstleistung, bessere oder schlechtere Qualität haben. Und die Qualität des Geldes ist immer anfällig, zum Beispiel für politischen Missbrauch. In jedem Währungssystem gibt es einen Anreiz für denjenigen, der die Währung herausgibt (emittiert), die ihm gegebene Macht zur Selbstbereicherung zu nutzen. Besonders groß ist das Missbrauchspotenzial freilich bei der Verwendung von Papiergeld. Keine metallurgische Hürde stellt sich der Geldvermehrung hier in den Weg. Im zweiten Teil der Tragödie des Faust beschrieb Johann Wolfgang von Goethe die erstaunlichen Möglichkeiten der Produktion von Papiergeld:

Du zogst sie rein, dann war’s in dieser Nacht
Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht:
Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
Zehn, Dreißig, Fünfzig, Hundert sind parat.
Ihr denkt euch nicht, wie wohl’s dem Volke tat.
Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!

Goethe spielte literarisch mit den politischen Möglichkeiten der Druckerpresse. Doch sicher war auch ihm bewusst: Die Lust der Geldvermehrung durch Stempel und Druckerpresse ist regelmäßig von kurzer Dauer. 

Geschichte des Geldes und der Geldpolitik

Was Goethe als diabolisches Spiel beschreibt, die Ausweitung der Geldmenge bei ansonsten unverändertem Güterangebot, ist dem eigentlichen Wortsinn nach (lat. inflare = ausweiten) die eigentliche Inflation. Dabei kann Geldvermehrung in einem Maß, das mit der Vermehrung der Gütermenge einer Volkswirtschaft Schritt hält, durchaus sinnvoll sein. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt aber, dass mit der Macht der Produktion von Geld der Missbrauch der Geldproduktion einhergeht. Wer sich das Geld herstellen kann, kann umsonst einkaufen und Märkte leerfegen, bevor die Preise steigen. Die Möglichkeiten zur Vermehrung der Geldmenge stehen und fallen mit dem Geldsystem. Solange Güter und Dienstleistungen mit Warengeld wie Gold, Silber oder Kupfer bezahlt wurden, war die Geldvermehrung begrenzt, wenn auch nicht vollständig. Der Silbergehalt des römischen Denarius ist zwischen 60 n.Chr. und 300 n.Chr. von ca. 95 Prozent auf unter 10 Prozent gefallen. Entsprechend war es dem Emittenten der Münzen bei Einsatz der gleichen Menge an wertvollem Silber möglich, fast zehn Mal mehr Denare herzustellen. Die unvermeidliche Folge der Geldproduktion: Das Preisniveau steigt. Wenn bei gleichbleibender Produktion zehn Mal mehr Denare im Umlauf sind, müssen über kurz oder lang für jedes Produkt zehn Mal mehr Denare auf den Ladentisch gelegt werden, das Preisniveau ist dann um rund 1.000 Prozent gestiegen. Bei Warengeld hat die Ausweitung jedoch Grenzen, etwa in der Menge der zur Verfügung stehenden Edelmetalle. Das spricht für die Bezahlung mit Edelmetallen. Andererseits verursachen Gold- oder Silbermünzen hohe Transaktionskosten, Transport und Lagerung sind umständlich und teuer. Deshalb haben die Chinesen schon früh (Song-Dynastie, 960 bis 1289) Papiergeld entwickelt. Anfangs waren die Geldscheine der Song noch durch Metall gedeckt. In der Yuan-Dynastie wurde diese Deckung abgeschafft und der Besitz von Gold oder Silber verboten. Die Inflation der Geldproduktion heizte die Steigerung des Preisniveaus an, bis sie in der Ming-Dynastie schließlich eingestellt wurde. Ab 1450 wurden Steuern dann wieder in Silber erhoben. In Schweden kam 1656 der Bankier Hans Witmacker auf die Idee, Papiergeld herzustellen und eine Zentralbank aufzubauen. Schon im Jahr 1663 waren so viele Banknoten im Umlauf, dass nicht mehr genügen Kupfermünzen zur Deckung vorhanden waren. 1668 wurde die Stockholms Banco schließlich abgewickelt. Auch später wurde versucht, die ungezügelter Geldvermehrung Einhalt zu gebieten, etwa von der Bank of England, die für den wirtschaftlichen Aufstieg Englands mit verantwortlich war.

Ein besonders großes Potenzial zum Missbrauch bieten die heute weltweit üblichen Fiatgeld-Systeme. Fiatgeld (lat. Fiat = „Es geschehe“ oder „Es werde“) hat keinen inneren Wert, ist also nicht etwa durch Werte wie Edelmetalle gedeckt. Kein heutiges Währungssystem legt den Wert der Geld-Einheit durch eine Menge eines materiellen Wirtschaftsgutes fest. Stattdessen wird der Wert im Fiat-System über die Macht der Regierung gesichert, die Währung als gesetzliches Zahlungsmittel vorzuschreiben. In Fiatgeld-Systemen wie dem Euro haben auch private Banken die Möglichkeit, Geld durch die Vergabe von Krediten zu schöpfen. Die umlaufende Geldmenge wird durch Vorgaben der Zentralbanken, wie etwa dem Leitzins, reguliert. Fiatgeld ermöglicht dem Staat eine nahezu unbegrenzte Geldvermehrung. In der Geschichte hat das regelmäßig zu schmerzhaften Wirtschafskrisen geführt. In die deutsche Seele eingebrannt hat sich die Hyperinflation von 1923. Seinen Ausgang nahm die Inflation damals mit dem Vertrag von Versailles vom Mai 1919. Deutschland wurde die Alleinschuld zugewiesen und hohe Reparationszahlungen wurden festgelegt. Nachdem Deutschland die viel zu hoch angesetzten Zahlungen nicht begleichen konnte, ließ Frankreich am 16. Januar 1922 das Ruhrgebiet militärisch besetzen. Daraufhin ermahnte die deutsche Regierung die Bewohner des Ruhrgebiets zum passiven Widerstand: Die Förderung von Kohle und Stahl wurde eingestellt. Für den Verdienstausfall wurden Arbeiter und Unternehmen staatlich entschädigt – auf der Basis von neu geschöpftem Geld. Schon bald lief die Druckerpresse auf Hochtouren. Der Bargeldumlauf stieg zwischen 1919 und 1922 um 2.485 Prozent, von 1922 bis 1923 um sagenhafte 38.353.822.111 Prozent. Das Preisniveau stieg 1922 um 212 Prozent, 1923 um astronomische 105.726.256.883 Prozent. Zwar hatten die Siegermächte reagiert und die Reichsbank am 26. Mai 2022 für unabhängig erklärt. Doch trotz ihrer formellen Unabhängigkeit arbeitete die Reichsbank weiter im Sinne der Ziele der Reichsregierung. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der wundersamen Geldschwemme waren verheerend. Während Spekulanten reich werden konnten und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter durch Lohnanpassungen glimpflich davonkamen, verarmte der Mittelstand, Investitionen lohnten sich nicht mehr.

Gutes und schlechtes Geld: Bedeutung der Geldpolitik für die Wirtschaftsentwicklung

Ob eine Geld- und Wirtschaftsordnung vor Geldvermehrung schützt oder nicht, kann über die Entwicklung der Volkswirtschaft, ja, über Aufstieg und Niedergang von Völkern und Nationen entscheiden. Nicht ohne Grund sah Walter Eucken, der Ökonom aus Jena, der in Freiburg wirkte und mit seinen wirtschaftspolitischen Ideen wie kaum ein anderer Denker die junge Bundesrepublik prägte, die Entwicklung der Volkswirtschaft stehen und fallen mit der Stabilität ihrer Währung: "Alle Bemühungen, eine Wettbewerbsordnung zu verwirklichen, sind umsonst, solange eine gewisse Stabilität des Geldwertes nicht gesichert ist. Die Währungspolitik besitzt daher für die Wettbewerbsordnung ein Primat" (Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 1952). Eucken hatte erkannt, dass nur eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung Garant für den Wohlstand sein kann. Nach dem Freiburger Ideal hat eine Währungsordnung nur eine Aufgabe: Der Volkswirtschaft eine stabile Währung zur Verfügung zu stellen. Eine Währungsordnung mit sozialistischen Zügen, die zentral gesteuerter und politischer gewollter Geldvermehrung die Türen öffnet, wäre hingegen ein zerstörerischer Fremdkörper im Herzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Einen klaren Blick für die Ursachen von Inflation hatte auch der Freiburger Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1974 Friedrich August von Hayek: "Inflation is made by government and its agents. Nobody else can do anything about it." Auch Ludwig Erhard, der die Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik maßgeblich gestaltete und von den Ideen der Freiburger Schule beeinflusst war, erkannte in der Geldvermehrung als Quelle wirtschaftlichen Unheils: "Die Inflation kommt nicht über uns als ein Fluch oder als ein tragisches Geschick; sie wird immer durch eine leichtfertige oder sogar verbrecherische Politik hervorgerufen." (Wohlstand für alle). Das Wirtschaftswunder war auch ein Produkt der strikt stabilitätsorientierten Politik der Bundesbank und bestätigte die ordnungsökonomische Klarheit der Väter der Sozialen Marktwirtschaft.

 

„Aufbruch der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813“, Ferdinand Hodler, 1908-1909. Auf diesem Bild, das in der Aula der Universität Jena angebracht ist, ist Walter Eucken zu sehen. In seinen Jugendjahren in Jena stand er Modell für den Studenten, der sich die Jacke anzieht. Als führender Ökonom der Freiburger Schule prägte er die Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik.

 

Wenig gelernt: Geldmenge im Euroraum

Leider gerieten die Erfolgsfaktoren des Wirtschaftswunders schnell in Vergessenheit, spätestens nach dem Sieg der Marktwirtschaften über den Sozialismus. Nach 1990 sank das Zinsniveau international. 1998 entlud sich mit der Asienkrise ein aufgeblähter Finanzmarkt. Auf Grundlage der Euphorie über neue Internetfirmen baute sich mit der Dotcom-Blase die nächste Finanzkrise auf, die sich im Jahr 2001 entlud. Die von der Clinton-Administration geförderten Wohnungsbauprogramme und der darauf aufbauende Handel mit verbrieften und gebündelten Hypotheken niedriger Bonität führte schließlich zur Subprime-Krise ab 2007. Das war ein Startschuss, der auch im Euroraum zu einer explosiven Vermehrung der Geldmenge führte. Diese Geldmenge ist das Substrat, auf dem heute das Preisniveau fast beliebig nach oben schießen kann. Ein Feuerwerk von Zinssenkungen und Ankaufprogrammen nahm seinen Anfang, immer mehr Geld wurde ins System gespült, um die Zahlungsfähigkeit von Staaten und als systemrelevant deklarierter Banken zu garantieren. Am 7. Mai 2010 wurde die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) mit einem Volumen von 440 Mrd. Euro gegründet, weiter Instrumente und Fonds folgten (ESM, two pack, six pack, SSM, ESRB, SRM, TPI etc.). Einen weiter Treiber der Euro-Geldmenge waren die Corona-Krise. Der von der EU als Next Generation EU (NGEU) betitelte COVID-19-„Rettungsfonds“, der in Wahrheit ein Schuldenpaket ist, hat ein Volumen von 750 Mrd. Euro. Auch der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bietet Anlass zu weiterer Schuldenaufnahme und zur Beschleunigung der Druckerpresse.

Längst hat sich die Europäische Zentralbank vom Hüter einer stabilen Währung zum willigen Helfer der Politik entwickelt. Am 26. Juli 2012 gab der damalige EZB-Präsident Mario Draghi den Finanzmärkten ein Versprechen, das europäische Geschichte machen sollte: „Im Rahmen unseres Mandats wird die EZB alles tun, was nötig ist, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Mit seiner „whatever it takes“-Zusage machte Draghi endgültig den Weg frei zur Schöpfung beliebig hoher Geldmengen und beerdigte die Freiburger Ideen vom Primat der Währungspolitik, die in der unabhängigen Deutschen Bundesbank und der ursprünglichen Konstruktion der EZB einen politischen Ausdruck gefunden hatten. Mit dem 26. Juli 2012 ist der Charakter des Euro klar – aber hoffentlich nicht endgültig – definiert: Die europäische Einheitswährung ist Staatsgeld, die EZB eine politisch abhängige Organisation. Einer Geldpolitik, die zielgerichtet auf Geldvermehrung, Staatsschulden und Inflation hinausläuft, war Tür und Tor geöffnet. Die Bilanzsumme der EZB hat sich seit 2007 um rund das Siebenfache aufgebläht, die Geldmenge M3 hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Der Target-Saldo für Deutschland, der die Schulden anderer Länder gegenüber Deutschlands innerhalb der EWU angibt, stiegt von nahe null im Jahr 2007 auf heute 1,1 Bio. Euro. 

Die Inflation kennt (fast) nur Verlierer

Inflation hat nicht zu unterschätzende Auswirkungen, die weit über die wirtschaftliche Entwicklung hinausgehen. Augenfällig ist der direkte Wohlstandsverlust, der mit steigenden Preisen einhergeht. Wie oben dargestellt treibt den Deutschen nichts mehr Sorgenfalten auf die Stirn wie der Kaufkraftverlust. Einkommensschwache Familien, die von der Teuerung am stärksten betroffene Gruppe, mussten im November mit einer Inflationsrate zurechtkommen, die um 3,5 Prozentpunkte höher lag als bei Alleinlebenden mit hohen Einkommen. Gemessen an den für diese Haushaltstypen repräsentativen Warenkörben trugen Familien mit niedrigem Einkommen im November eine Inflationsbelastung von 11,5 Prozent gegenüber 8,0 Prozent bei wohlhabenden Alleinlebenden. (Böckler-Stiftung Dezember 2022). Von den Deutschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sehen sich 63 Prozent im Alltag sehr eingeschränkt durch die Inflation, bei Menschen mit hohem sozioökonomischem Status gilt das nur für 23 Prozent (Allensbach Dezember 2022).

Über die täglichen Sorgen hinaus setzt Inflation volkswirtschaftlich negative Anreize. Sparen und Konsumverzicht, die Voraussetzungen nachhaltigen Wirtschaftens, die Grundlage für Investition in die Zukunft, wird durch Inflation systematisch bestraft. Dem gegenüber belohnt die Inflation systematisch Verschuldung und Konsum. Viel zu wenig Beachtung finden die negativen Auswirkungen der über ein Jahrzehnt andauernden Phase extrem niedriger Zinsen. Denn: Hohen Zinsen kommt in der Marktwirtschaft eine wichtige Steuerungsfunktion zu. Nur Unternehmen, die die Zinslasten bedienen können, werden weitergeführt. Unternehmen, die die hohen Zinsen nicht bedienen können, gehen insolvent. Was für Arbeitnehmer und Unternehmen zunächst dramatisch ist, hat für die Volkswirtschaft als Ganzes einen überlebenswichtigen Effekt, denn durch Insolvenzen werden Produktionsfaktoren frei gegeben, einen produktiveren Einsatzort zu finden. Dieser Prozess der Schöpferischen Zerstörung (Schumpeter), in dem der Zins eine dezentrale Steuerung übernimmt, hat bewiesen, dass er eine Volkswirtschaft besser steuern kann als eine zentrale Planwirtschaft, in der Produktionsfaktoren zentral verteilt und eingesetzt werden. Auf einem politischen verordneten Nullzinsniveau versagt dieser Prozess allerdings. Volkswirtschaften werden künstlich beatmet, unzählige Unternehmen werden weitergeführt, obwohl sie weitgehend unproduktiv arbeiten. Schon 2017 beschäftigte sich die Bundesbank mit der Frage, welcher Anteil der Unternehmen in einem regulären Zinsumfeld ihre Kreditverpflichtungen nicht bedienen könnten und von Insolvenz bedroht wären („Zombie-Unternehmen“). Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) schätzte 2018, dass allein von den deutschen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) 167.000 als Zombie-Unternehmen zu klassifizieren seien. Eine Umfrage des ifo-Instituts im Jahr 2020 zeigte, dass 86 Prozent der befragten 120 Ökonomen befürchten, dass die Anzahl der Zombie-Unternehmen schon im Zuge der Corona-Krise angestiegen ist. Steigende Zinsen stellen gerade solche Unternehmen irgendwann vor große Herausforderungen. Mit Folgen für den globalen Systemwettbewerb, die die beste Wirtschaftsplanung erfordert. Auch die beste Wirtschaftsordnung wird sich nicht gegen chinesische Zentralplanung behaupten können, wenn ihr Steuerungsmechanismus außer Betrieb gesetzt ist.

Dass es in der Geschichte trotz der gewaltigen Nachteile und Gefahren immer wieder zu inflationärer Geldvermehrung kommt, hängt ohne Zweifel auch damit zusammen, dass es in diesem Prozess regelmäßig auch Gewinner gibt. Wem Inflation nützt, wurden erstmalig 1755 von dem Ökonom Richard Cantillon beschrieben. In einem Fiat-Geldsystem verteilt sich die erhöhte Geldmenge (Kreditvergabe) nicht automatisch gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft. Gleich einer Pyramide wird das Geld in Stufen von oben nach unten weitergegeben, wobei der Staat, der Banksektor, der Staat, Staatsunternehmen und staatsnahe Unternehmen als begünstigte Gruppen zuerst profitieren, während der Rest der Volkswirtschaft später folgt oder gar nicht von der Geldschöpfung profitiert. So kann ein Staat mit frischem Geld Güter zu einem alten, niedrigen Preis kaufen (Cantillon-Effekt). Verlierer im Prozess der Geldschöpfung sind diejenigen, bei denen das Geld gar nicht landet, die aber dennoch die wegen der kreditschöpfungsbedingten Inflation gestiegenen Preise zahlen müssen.

Wege aus der Krise: Politik und Zentralbanken sind gefordert

Eine nachhaltige Bewältigung der aktuellen Inflationsrisiken muss zwingend geldpolitischer Art sein. Denn Inflation ist zunächst ein monetäres Phänomen. Die Ursache der Inflation ist eine zu große Menge an Geld im Wirtschaftskreislauf. Der Energiepreisschock 2022 löste einen gewaltigen Preisschub aus, allerdings auf Grundlage der monetären Situation. Ein Kurswechsel in der Geldpolitik erfordert allerdings große politische Anstrengungen auf gesamteuropäischer Ebene. Geldpolitische Maßnahmen würden außerdem nicht kurzfristig wirken. Kurzfristig ist also die Politik am Zug. Auch die öffentliche Meinung spricht für politische Maßnahmen. 85 Prozent der Deutschen trauen am ehesten der Politik zu, die Inflation bremsen zu können, nur 33 Prozent trauen das der Europäischen Zentralbank zu, 28 Prozent den Unternehmen (Allensbach Dezember 2022). Bei den zu ergreifenden Maßnahmen vertrauen die Deutschen vorwiegend auf Schritte der Regierung. Als hilfreiches Mittel sehen die Menschen Steuersenkungen auf Produkte (77%), staatliche Überprüfung von Preisen (65%) oder staatliche Preisobergrenzen (57%). Nur 30 Prozent der Deutschen sehen in der – aus volkswirtschaftlicher Sicht dringend gebotenen – Erhöhung der Zinsen durch die Zentralbank eine geeignete Maßnahme zur Inflationsbekämpfung (Allensbach Dezember 2022).

Bisher hat die Politik im Rahmen der Möglichkeiten reagiert. Im September brachte die Bundesregierung etwa die Inflationsprämie auf den Weg. Arbeitgeber können ihren Mitarbeitern einmalig bis zu 3.000 Euro steuerfrei auszahlen. Außerdem hat die Ampel einen 200 Mrd. Euro schweren „Abwehrschirm“ gespannt („Doppel-Wumms“), mit dem Bürger und Unternehmen sicher durch den Winter kommen sollen. Neben der Strompreisbremse kam auch die Gaspreisbremse. Die französische Regierung hatte bereits im Herbst 2021 für Privathaushalte die Gaspreise eingefroren. Ungarn hat nicht nur Strom- und Gaspreise gesenkt, sondern auch die Preise für Zucker, Eier, Kartoffeln und Milch gedeckelt. In Japan werden nicht nur (wie in der EU) viele Lebensmittel subventioniert, sondern auch der Nahverkehr, Autos, Benzin und Hochschulbildung. Auch die Strom-, Wasser- und Gaspreise werden reguliert (Mayer und Schnabl 2022). Das Problem solcher Entlastungspakete: Da sie allesamt schuldenfinanziert sind, also durch Geldschöpfung im Fiatgeldsystem bereitgestellt werden, erhöhen sie die Geldmenge noch weiter. Der Doppelwumms erhöhet die Geldmenge im Euroraum um 200 Mrd. Euro und schafft somit neues Inflationspotenzial. Kurzfristig mildert der Doppelwumms also die Schmerzen der Inflation. Mittel- und langfristig ist der Doppelwumms jedoch wie ein Feuerlöscher, der mit Brandbeschleuniger gefüllt ist.

Historische Beispiele erfolgreicher Inflationsbekämpfung

In der Wirtschaftsgeschichte gibt es Beispiele für erfolgreiche Inflationsbekämpfung. Alle diese Beispiele zeigen, wie schmerzhaft nachhaltige Inflationsbekämpfung für Bürger, Unternehmen und Politik ist. Während Geldproduktion immer zu Euphorie aller Beteiligten führt (Goethe: „Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!“) geht die Senkung der Geldmenge systematisch einher mit einer für alle Beteiligten schmerzhaften Drosselung der volkswirtschaftlichen Leistung. In Italien hat die Regierung nach dem Ersten Weltkrieg Löhne gekürzt, die Konsumsteuern erhöht sowie Unternehmenssteuerung und Staatsausgaben gesenkt, um die Kriegsschulden abzutragen (Mayer und Schnabl 2021). Ein schmerzhafter, aber wirksamer Kraftakt.

Die deutsche Wirtschafts- und Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg führte unter Ludwig Erhard (1957) zum Wirtschaftswunder, nachdem durch die schmerzhafte Entwertung der Ersparnisse der große Geldmengenüberhang und die hohe Staatsverschuldung beseitigt worden waren. Mit einer unabhängigen Zentralbank wurde nicht nur eine stabile Währung etabliert, sondern es wurde auch die Rolle des Staates in der Wirtschaft begrenzt. In einer freiheitlichen Verfassung wurden marktwirtschaftliche Prinzipien wie Privateigentum, Haftung und Vertragsfreiheit verankert, flankiert durch eine konsequente Wettbewerbspolitik.

Unter Präsident Jimmy Carter Präsident galoppierte in der Vereinigten Staaten die Inflation. Zu sehr hatten sich alle daran gewöhnt, dass immer mehr Geld gedruckt wurde und jeder schnell sein Geld ausgeben musste, bevor es seinen Wert verliert. Zentralbankpräsident Paul A. Volcker griff schließlich durch und erklärte der Inflation trotz der Empörung von Wirtschaft und Politik den Krieg („Volcker-Schock“). Am Tag der geplanten Wiederwahl von Carter im Jahr 1980 lagen die Zinsen bereits bei über 21 Prozent, am 22. Juli 1981 erreichten sie mit 22,4 Prozent ihren Hochpunkt. Carter wurde abgewählt und unter dem neu gewählten Präsidenten Ronald Reagan stieg die Arbeitslosigkeit angesichts der kontraktiven Geldpolitik bis 1982 auf über zehn Prozent. Doch die Inflation wurde besiegt. Die Preissteigerungen gingen von 10,7 Prozent im Jahr 1980 auf 22 Prozent im Jahr 1986 zurück. Volcker hatte durch die Macht einer unabhängigen Zentralbank die Grundlage für einen wirtschaftlichen Neuaufschwung gelegt.

Das politische Programm zur Beendigung der Inflation

Was muss heute geschehen, um die Inflation zu beenden? Kurzfristig ist weiter die Politik gefordert. Angesichts der Preisexplosion in bestimmten Märkten muss sie für die Entlastung von Bürger und Unternehmen sorgen. Die Unternehmen brauchen Zugang zu bezahlbarer Energie, die Kernenergie muss gefördert anstatt verteufelt zu werden. Steuern müssen gesenkt werden, und zwar auf das innerhalb der EU minimale Niveau. Kostenbelastungen und Bürokratie müssen abgeschafft werden, ein Belastungsmoratorium muss insbesondere mittelständische Unternehmen entlasten. Beispielsweise darf das irrsinnige Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das Unternehmen mit Bürokratie überschüttet und für mangelhafte Umwelt- und Sozialstandards in aller Welt in Haftung nimmt, nicht zur Anwendung kommen. Insgesamt muss die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gestärkt werden, um deutsche Arbeitsplätze zu erhalten. Dazu gehört auch, dass die Regierung den Unternehmen neue Absatzmärkte im Ausland eröffnet, anstatt den Freihandel immer stärker durch Klima- und Sozialvorgaben abzuwürgen.

Die Aufblähung der Geldmenge durch immer neue Nachtrags- und Nebenhaushalte wie „Sondervermögen“, die in Wirklichkeit neue Schulden sind, muss verhindert werden. Die seit 2016 grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse muss konsequent eingehalten werden. Durch eine Verschärfung des Stabilitäts- und Wachstumspakts muss EU-weit für nachhaltige Staatsfinanzen gesorgt werden. Wenn eine europäische Währung weiter bestehen soll, geht das nur, wenn alle europäischen Staaten ihre Ausgabenverpflichtungen reduzieren und Schulden abbauen, um mittelfristig den Inflationsdruck unter Kontrolle zu bringen.

Eine nachhaltige Bekämpfung von Inflationsrisiken ist allerdings nur durch konsequente Geldpolitik entlang der Freiburger Ideale möglich. Denn Inflation ist ein monetäres Phänomen. Oberste Priorität hat deshalb die Wiedererlangung eines Primats der Währungspolitik sowie die Wiederherstellung der politischen Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Die deutsche Zustimmung zur Abschaffung der robusten Deutschen Mark war damals gebunden an die Schaffung einer europäischen Zentralbank, die ebenso unabhängig sein sollte wie die Deutsche Bundesbank es war. Diese Forderung muss heute neu gestellt und entschlossen eingefordert werden! Eine politisch unabhängige europäische Geldpolitik zugunsten einer langfrisitg florierenden europäischen Volkswirtschaft kann dann nur eine Richtung kennen: Hohe Zinsen, Verzicht auf die Finanzierung von Staatshaushalten durch die EZB und eine stärkere Einhegung der Geldschöpfung durch private Banken („Fiat-Geld“), etwa durch Einführung eines parallel existierenden digitalen Euros, den die EZB direkt emittiert.

Um den Druck auf die Zentralbank zu erhöhen müssen Währungen außerdem einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt werden. Was auf Gütermärkten gilt, ist auch für Währungen richtig: Erst Wettbewerb und Konkurrenz disziplinieren zu hoher Qualität. Friedrich August von Hayek hatte vorgeschlagen, das Missbrauchspotenzial von Zentralbanken durch die Entnationalisierung des Geldes einzuschränken. Bürger und Unternehmen sollten nicht von einer staatlichen Monopolwährung abhängig sein, wenn deren Politik auf eine Geldentwertung hinausläuft. Sie sollten ihre Währung frei wählen können. Auch wenn es Argumente gegen eine solche Entnationalisierung des Geldes gibt: Die Förderung alternativer Tausch- und Wertbaufbewahrungsmittel wie Kryptowährungen und Edelmetalle ist ein wichtiger Baustein zur Sicherung langfristiger wirtschaftlicher Prosperität. Und zur Absicherung dafür, dass Lenin nicht Recht behält mit seiner These, dass der Kapitalismus am zielsichersten durch die Entwertung seiner Währung zerstört werden könne. 

 

Erschienen in Der Burschenschafter. Periodikum der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft, 7. Jahrgang 1/2023.

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