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| Friedrich August von Hayek: Im Feuerofen der Gleichschaltung gehärtete Wissenschaft |
Was ist eigentlich Wissenschaft?
Das Wesen der Wissenschaft ist Mut und die Liebe zur Wahrheit. Es geht um Wahrhaftigkeit. Der Nutzen der Wissenschaft lässt sich nicht an der Zahl referierter Artikel messen, nicht an der Zahl der Fußnoten und auch nicht an der Menge der besuchten internationalen Konferenzen. Letztlich sind auch Lehraufträge nicht entscheidend für die Qualität von Wissenschaft. Am Ende bleibt die Frage nach Mut und Wahrhaftigkeit, nach Kühnheit des Denkens. Sie war es, die große Männer der Wissenschaft wie Aristoteles, Kopernikus oder Adam Smith geadelt hat. Hierin liegt der Nutzen ihrer Werke für die Gesellschaft. Dabei besteht die erste Aufgabe der Wissenschaft sicherlich nicht darin, die Wahrheit in Öffentlichkeit und Politik zu vertreten. Aber Wissenschaft darf andererseits auch nicht vor öffentlicher Meinung oder vor der Politik zurückweichen, darf die Wahrheit nicht politischen Strömungen beugen. Eine Botschaft, die Erich Weede auf den Hayek-Tagen 2012 überzeugend dargestellt hat.
Friedrich August von Hayek hatte diesen Mut zur Wahrheit. Genau wie Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Ludwig von Mises und andere war auch er geläutert und gehärtet im Feuerofen der nationalsozialistischen Gleichschaltung. Diese Männer waren es nicht nur gewohnt, Erkenntnisse mit Fachkollegen zu diskutieren oder sie Studenten vorzutragen. Sie waren auch daran gewöhnt, nicht vor Publikum und Zeitgeist zurückzuweichen. Ihre geistige Konsequenz, Entschlossenheit und Unangepasstheit hat mich schon im Studium beeindruckt. Ihre Unangepasstheit und ihre Liebe zur Wahrheit haben mich für die ordnungsökonomishe Ideenwelt begeistert. Besonders angesichts der Vielzahl der Ökonomen, die ihren Mangel an geistiger Kühnheit hinter Formeln und Fußnoten versteckt halten. Im Meer der Angepasstheiten des universitären Lebens durfte ich in Büchern und auf der Kanzel Menschen kennenlernen, die wissenschaftlichen Idealen treu waren. Auch in der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar und fühle mich ihr verpflichtet.
Der ideologische Druck nimmt zu
Nach meiner akademischen Zeit musste ich ab 2006 im politischen Berlin schnell lernen, wie flüchtig wissenschaftliche Ideale in der politischen Realität sind. Ich will nicht Verbände oder Behörden anklagen. Sie werden schlicht nicht dafür bezahlt, sich öffentlich für Wahrheit oder wissenschaftliche Erkenntnisse stark zu machen. Ich denke an solche Menschen, die eigentlich ökonomischen oder politischen Überzeugungen treu bleiben könnten, sei es beruflich oder privat, die aber ihre Chancen nicht nutzen. Die Aussicht auf prestigeträchtige Interviews, auf Einladungen, elitäre Mitgliedschaften oder auf Auftragsgutachten scheint manchmal die Wahrhaftigkeit einer guten Wissenschaft zu beschädigen. Und vielleicht erscheint Wissenschaft im politischen Berlin käuflicher als anderswo.
Außerdem nimmt der ideologische Druck in der Gesellschaft (2015) zu. Das politische Umfeld in Europa ist nach meinem Eindruck heute deutlich ideologiegetriebener als während meiner Studienzeit. Damals ging es um die Ausgestaltung von Rentenreformen und Hatz IV, das war noch vergleichsweise sachlich abzuhandeln. Themen wie die Eurorettung, Grexit ode Brexit sind aufgeladener. Die politische Landschaft ist durch Terrorattacken, Krieg gegen den Terror, Genderideologie und Homoehe geprägt, Weltanschauungsfragen überall. Und man gewöhnt sich schnell daran, der "öffentlichen Meinung" nachzuspüren.
Aufgeschreckt hat mich der Wahlspruch der AfD im Europawahlkampf 2013: "Mut zur Wahrheit". Da standen auf einmal gestandene Wissenschaftler auf der politischen Bühne, die etwas taten, was ich schon längst als unmöglich verworfen hatte: Sie vertraten ihre ökonomischen und unangepassten Überzeugungen in aller Öffentlichkeit. Im vollen Bewußtsein, dass sie in die Schmuddelecke gestellt würden. Sie haben mir meine eigene Angepasstheit offengelegt, haben mich dadurch peinlich berührt. Nun, der "Mut zur Wahrheit" der AfD wurde schon im nächsten Wahlkampf durch den "Mut zu Deutschland" ersetzt und ein großteil der anfänglichen Wahrhaftigkeit ist mittlerweile gewichen. Aber ich habe für mich die Mahnung festgehalten, der Wahrheit treu bleiben zu wollen, wenn es notwendig ist und wenn ich die Gelegenheit dazu habe. Ich habe gesehen, dass es möglich ist, dem Druck der öffentlichen Meinung zu widerstehen und ich will, gleichwie unbedeutend mein eigener politischer oder gesellschaftlicher Einfluss ist, auf der Seite derer stehen, die Mut zur (oftmals liberalen) Wahrheit haben.
Friedrich August von Hayek-Gesellschaft: Ein Ort auch für Unangepasste?
Mein Bekenntnis mir selbst gegenüber, mich im Zweifel gegen die Angepasstheit zu entscheiden, ist heute wieder gefordert. In der Frage der weiteren Entwicklung der Hayek-Gesellschaft muss ich mich auf eine Seite schlagen. Kürzlich hatte ich darauf hingewiesen, wie wichtig ein ideologiefreier Liberalismus im Geiste Hayeks heute wäre. Wichtig wäre auch der Mut und die Entschlossenheit, an der Idee der Freiheit im Sinne Hayeks - verstanden als die Abwesenheit von Zwang - festzuhalten. Zunächst auf der wissenschaftlichen Ebene. Aber die Entwicklungen lassen mich befürchten, dass Politik und Zeitgeist den wissenschaftlichen Diskurs auch in der Hayek-Gesellschaft beeinträchtigen könnten.
Dieser Eindruck wurde durch den Artikel in der FAS vom 17. Mai 2015 deutlich bestärkt. Dabei werfe ich der Autorin Karen Horn nicht etwa einen Mangel an Mut zur Wahrheit vor. Den hat sie. Aber der Artikel macht die Tür weiter auf für die Verurteilung bestimmter Gesinnungen im Dienste des Zeitgeistes. Auch in den vorgeschlagenen Satzungsänderungen lese ich diesen Geist heraus (Siehe etwa die Prüfungen im Zusammenhang mit Parteimitgliedschaften). Dass sich durch diese Öffnung besonders solche Mitglieder angegriffen fühlen, die sich mit ihrer Liebe zu Freiheit und Wahrheit seit Jahren tagtäglich dem Zeitgeist entgegenstellen, wundert mich nicht.
Doch als wissenschaftliche Heimat gerade für solche Menschen habe ich die Hayek-Gesellschaft kennengelernt. Und ich möchte, dass die Hayek-Gesellschaft ein Ort des freien Austausch über Freiheit bleibt, geleitet von Wahrhaftigkeit und Wahrheitsliebe. Ohne Offenheit, Mut zur Wahrheit und Ideologiefreiheit kann die Hayek-Gesellschaft dem Vermächtnis ihres Namensgebers unmöglich gerecht werden. Und als politisch angepasste Organisation wäre sie nicht nützlich für die Menschen in unserem Land. Und deshalb habe ich meine Unterschrift geleistet unter den Brief, als ein starkes Signal für eine Hayek-Gesellschaft, die auch in Zukunft dem Namen Hayeks gerecht werden soll.

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