Vereinsamung in Deutschland – Versagen des Kapitalismus?
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Gott will, dass der Mensch nicht allein ist |
Befürworter des Sozialstaats können nun die Schuld auf den Kapitalismus schieben. Im Kapitalismus herrsche soziale Kälte, es gehe nur um Leistung, ganz nach der Devise „hire and fire“. Besonders einfach ist es für Sozialisten, denn schließlich stiftete im Sozialismus der Staat Gemeinschaft durch Organisation und durch soziale Absicherung. Früher in der DDR, so kann man es etwa von älteren Ostdeutschen hören, da habe man ja viel mehr zusammen gemacht. Gemeinschaft gab es in der Partei, im Blauhemd, in der Kita und auch in der Ganztagsschule. Politisch habe man ja nicht hinter allem stehen müssen, aber zumindest erlebte man dort Solidarität. Vereinzelung gab es nicht. Und auch um die Nachbarschaft habe man sich damals noch gekümmert. Man half sich gegenseitig mit Material aus, etwa wenn man bauen wollte. Heute, da gehe man ja einfach in den Baumarkt. Eine sterile Kundenbeziehung, und am Ende zahlt man anonym per Karte. Und so treiben Kapitalismus, Marktwirtschaft und Globalisierung die Menschen immer mehr in die Einsamkeit.
Der Sozialstaat zersetzt soziale Bindungen
Doch nichts könnte falscher sein als dieses Zerrbild. Sozialismus und Wohlfahrtsstaat sind nicht „wärmer“ als der Kapitalismus, denn hier wie dort steht Gemeinschaft unter Fluch und Segen des Eigennutzes. Lediglich ist die „soziale Währung“ im Sozialismus eine andere: Es geht um Beziehungen, Meinungen oder Parteimitgliedschaft. Der Sozialstaat honoriert Beziehungspflege zum Staat und zu seinen Repräsentanten. Der Kapitalismus stärkt Bindungen hingegen dort, wo ein Nutzen für das Gegenüber entsteht. Der Sozialethiker Joachim Fetzer charakterisiert den Markt deshalb als einen Ort der praktizierten Nächstenliebe.
Nichts zermürbt gesellschaftliche Bindungen wirkungsvoller und nachhaltiger als Sozialismus und Wohlfahrtsstaat. In Deutschland ging die Vereinsamung zumindest zeitlich mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats einher. Seit 1970 hat sich der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung etwa verdoppelt. In der EU weisen nur die sozialistisch geprägten Länder Dänemark, Frankreich und Schweden höhere Sozialquoten auf. Die Scheidungsraten wachsen, die Altenheime werden voller, Kinder werden zunehmend kollektiv vernachlässigt oder gar nicht erst geboren. Von allen OECD-Ländern hat Deutschland mit einem Wert von 1,3 die niedrigste Reproduktionsrate. Das ist kein Ausweis für gesunde Familienstrukturen, sondern der Vorbote einer künftig wahrhaft atomisierten Gesellschaft. Millionen werden die Kälte des Wohlfahrtsstaates vereinsamt in Altenheimen erleben. Dabei setzt der Wohlfahrtsstaat mit seinen Fehlanreizen alles daran, die Vereinsamung systematisch fördern. Ein Beispiel: Studien zeigten schon bald nach der Einführung staatlicher Sonderleistungen für Alleinerziehende in England, dass die Anzahl der Alleinerziehenden durch die Leistungen stark zugenommen hatte. Aber nicht nur Ehe und Familie, auch die Kirche - früher zentraler Ort sozialer Nähe und Gemeinschaft - wird in ihrer Bedeutung angesichts des wachsenden Wohlfahrtsstaates zurückgedrängt. Ökonomisch gesprochen findet ein klassisches „crowding out“ statt. Im Sozialismus wurde und wird die Kirche sogar als „Opium des Volkes“ (Karl Marx) erbittert bekämpft. Einziger Gefährte des einsamen Menschen solle der Staat sein.
Katallaxie oder die Kultivierung des Sozialen im Kapitalismus
Doch in einer liberalen Gesellschaft überfordert sich der Staat nicht, in dem er als das große, gemeinschaftsstiftende Kollektiv auftritt. Der Liberalismus will vielmehr die Vielfalt der Gemeinschaften fördern. Notwendig sind dabei Privateigentum, Familie, Unternehmen, Kirchen, Verbände und Vereine. Die Marktwirtschaft stärkt soziale Bindungen sogar, und sie ist ein guter Nährboden für das Wachstum neuer Strukturen jenseits des Staates. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek nannte die liberale Wirtschaftsordnung nicht umsonst „Katallaxie“, abgeleitet vom griechischen Wort „katallattein (καταλλαγή)“, das eben nicht nur „tauschen“, sondern auch „in die Gemeinschaft aufnehmen“ oder „aus einem Feind einen Freund machen“ bedeutet. Der wirtschaftliche Wettbewerb zwingt die Menschen, nach dem Nutzen ihres Tuns für andere zu fragen. Das ist mindestens genauso anstrengend wie der Wettbewerb von Sozialuntertaten um die Gunst des Staates, stabilisiert die Gesellschaft aber nachhaltiger. Denn die Menschen schaffen sich so einen festen Platz in ihrer sozialen Umwelt. Das verhindert Einsamkeit. Auf diesem Weg gelingt übrigens auch ethnische Integration von innen heraus, weil Wettbewerb Anpassung kultiviert, während Harz-Umverteilung sie lähmt. Die Marktwirtschaft fördert Gemeinschaft alleine schon dadurch, dass sie materiellen Wohlstand schafft. Mangel schafft Unzufriedenheit und zermürbt Gemeinschaft. Deshalb ist die „sterile“ Leistung von Baumärkten unendlich wertvoller als die „innige“ DDR-Volksbeziehungspflege, die nur von der Unzufriedenheit über die Mangelwirtschaft lebte.
Der Kampf gegen Vereinsamung beginnt beim Wohlfahrtsstaat
Auch auf Familienstrukturen können sich Freiheit und Eigenverantwortung positiv auswirken und Einsamkeit vorbeugen. In einer Gesellschaft, die auf Rechtsstaatlichkeit und Eigenverantwortung anstatt auf Umverteilung setzt, haben Ehe und Familie ein größeres, weil auch ökonomisches Gewicht. Wo staatliche Altersvorsorge an Bedeutung verliert, gewinnen Kinder an Bedeutung. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist soziale Verantwortung kein verordneter, aber substanzloser Automatismus à la Hartz IV oder Elterngeld. Allerdings müssen soziale Bindungen im Kapitalismus selbst gewählt werden. Das ist manchmal schwierig und erfordert beidseitige Solidarität, schützt aber wirksam gegen Einsamkeit.
Wir müssen Weichen stellen, um dem Phänomen der zunehmenden Vereinsamung in unserem Land zu begegnen. Soziale Netzwerke, Email und Handys werden das Problem nicht lösen, vielmehr müssen belastbare soziale Strukturen jenseits des Staats kultiviert werden. Dabei müssen Kirchen, Vereinen und vor der Institution Familie eine größeres Gewicht zugestanden werden. In der Familienpolitik kommt es darauf an, den Sozialstaat und die Kollektivierung der Familie zu bekämpfen. Aber insbesondere kommt es darauf an, uns in unserer eigenen Lebensplanung weniger auf den Staat und mehr auf Gott und auf seine Ordnungen zu verlassen. Er kennt uns und unsere Natur, denn er hat uns geschaffen und dabei gesagt: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt." (Genesis 2,18)
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