Weltwirtschaft und
Wirtschaftspolitik stehen vor großen Herausforderungen. Kapitalismus- und
Globalisierungskritiker sehen die Lösung in der Abkehr von der Marktwirtschaft.
Finanzmärkte, Standortwettbewerb und Freihandel werden als Feindbilder
identifiziert. Die Probleme werden aber nicht durch eine Abkehr von
Marktwirtschaft und Globalisierung gelöst, sondern durch ihre Verwirklichung.
Kritik an der
Marktwirtschaft hat Konjunktur
Am vergangenen Samstag (15. Oktober 2011) sind weltweit Hunderttausende
Kapitalismuskritiker auf die Straße gegangen. In Rom kam es zu
Straßenschlachten, auch in Deutschland beteiligten sich Zehntausende an Demonstrationen.
In Berlin und Frankfurt wurden Zeltstädte errichtet, die
globalisierungskritische Nichtregierungsorganisation attac kündigte weitere
Proteste vor dem EU-Gipfel am nächsten Wochenende an.
Noch am Freitag führte ich ein moderiertes Zweiergespräch über
Globalisierung und Welthandel mit Jutta Sundermann, Mitglied im bundesweiten
Koordinierungskreis von attac. Dieses Gespräch und die weltweiten Proteste sind
Anlaß für mich, mich erneut mit einigen Argumenten der Kapitalismuskritiker zu
beschäftigen. Ich möchte sechs zentrale Kritikpunkte herausgreifen, wie sie etwa
von attac formuliert werden.
Herrschaft der
Finanzmärkte über alle Gesellschaftsbereiche
Kritisiert wird die Herrschaft der Finanzmärkte über alle
Gesellschaftsbereiche. Tatsächlich gehen gerade in den letzten Jahren und Monaten
von den Finanzmärkten Gefahren aus, die die gesamte Gesellschaft in
Mitleidenschaft ziehen. Doch von "Herrschaft" zu sprechen, ist
irreführend. Herrschaft hat etwas mit Macht zu tun. Macht ist die Fähigkeit,
seinen Willen gegen den eines Andere durchzusetzen. Macht braucht Zwang,
braucht Zwangsmittel. In modernen, demokratischen Gesellschaften sind diese
Machtmittel zentralisiert und liegen monopolistisch beim Staat. Der Markt ist
hingegen der Ort, an dem Menschen freiwillig
kooperieren. Am Markt verfolgen Menschen ihre Bedürfnisse, hier können sie
ihren freien Willen verwirklichen. Sicher, von Finanzmärkten gehen zunehmend Zwänge
für Staaten aus - aber nur dann, wenn Politiker schlecht gewirtschaftet und Schulden
angehäuft haben. Die Ursache dieser Zwänge ist die politische Ausgestaltung der
Geld- und Finanzordnung und die Mißwirtschaft der Politik. So wurde die Überschuldung
von Staaten und die Produktion von zu viel Geld möglich, so konnten sich gefährliche
Finanzblasen bilden. Zu bekämpfen ist höchstens die Fehlkonstruktion der
Geldordnung und nicht etwa die Finanzmärkte an sich. Sie sorgen vielmehr für
die Korrektur von Fehlentwicklungen.
Steuerwettbewerb und
race to the bottom
Kritisiert wird der Steuerwettbewerb durch die
Globalisierung, durch ihn würden die Staaten zur Streichung von Angeboten gezwungen
("race to the bottom"). Tatsächlich treffen multinationale Konzerne
heute Standortentscheidungen mit internationalem Blick. Unternehmen müssen
überlegen, in welchem Land sie am günstigsten produzieren können. In solche
Entscheidungen fließen viele Kriterien ein, darunter auch die Steuerlast. Viel
wichtiger als der Steuersatz ist aber das Verhältnis von Steuern zu den Angeboten des Staates! Wie bei allen Kaufentscheidungen
entscheidet nicht nur der Preis, sondern auch die Leistung. Gelingt es einem
Staat, Infrastruktur, soziale Sicherheit, inneren Frieden und Nachhaltigkeit zu
gewährleisten? Durch Globalisierung und Kapitalismus befinden sich Staaten
dabei zunehmen in einem Wettbewerb um Kapital, Unternehmen und Arbeitskräfte.
Die Globalisierung verstärkt den Wettbewerb zwischen unterschiedlichen
Politikangeboten und hebt die Monopolstellung der Staaten gegenüber ihren
Bürgern auf. Und das ist gut für die Bürger. Denn Bürger dürfen von ihrem Staat
erwarten, dass er sich nach ihren Bedürfnissen ausrichtet, dass er die Steuern
möglichst sinnvoll einsetzt. Gradmesser dafür sind Migration und der Zustrom
von Direktinvestitionen. Die Annahme, dass Staaten durch Globalisierung und
Kapitalismus Sozial- und Umweltausgaben zusammenstreichen, ist übrigens auch
historisch falsch. In den vergangenen Jahrhunderten war eine Staatsquote von
10% üblich. Erst im Verlauf der Globalisierung steigerten die westlichen
Staaten in einem wahrhaften "race to the top" ihren Anteil an den
gesamtwirtschaftlichen Ausgaben auf heute etwa 50%.
Kritik an Wachstum
und Wohlstand
Kritisiert wird, dass Globalisierung und Kapitalismus eine Wachstumsgesellschaft
fördern. Allerdings verlangen Menschen naturgegeben nach Wohlstand, Einkommen
und Arbeitsplätzen. Das war immer und überall so, nicht erst in der
Globalisierung, auch im Sozialismus wäre das nicht anders. Verständlich ist
allerdings die Angst vor einer Übernutzung von Arbeitskraft und Umwelt. Aber wirtschaftliches
Wachstum besteht nicht darin, Ressourcen sinnlos zu verschleudern. Wirtschaften
bedeutet vielmehr, die vorhandenen Ressourcen möglichst effizient zu nutzen. Es
ist geradezu das Wesen industriellen Wirtschaftens, Produktionsfaktoren immer besser
zu verwenden, die "Allokation" zu verbessern. Auch der Freihandel,
die grundlegende Idee hinter der Globalisierung, zielt darauf ab, Produktionsfaktoren
weltweit sinnvoller einzusetzen. Das spart nicht nur Kosten, sondern schont
Ressourcen und ist damit gut für die Umwelt. Industrialisierung, Globalisierung
und Kapitalismus sind also die Schlüssel dazu, eine rasch wachsende
Weltbevölkerung mit den vorhandenen Ressourcen nachhaltig ernähren zu können.
Dazu gehört allerdings auch, bei knappen Ressourcen Nutzungsrechte zu
definieren. Wie etwa durch Zertifikate für den Ausstoß von Kohlendioxid im
Rahmen des Kyoto-Protokolls. Nur so wird die Bildung von Marktpreisen möglich,
die eine Nutzung entsprechend der Knappheiten erzwingen.
Kritik an
Standortverlagerungen
Kritisiert werden Standortverlagerungen und Lohnkonkurrenz,
dadurch würde die Prekarisierung der Arbeiter gefördert. Tatsächlich wurde in
den letzten Jahren zunehmend Produktion aus den Industrieländern in
Billiglohnländer verlagert. Und tatsächlich sind dadurch Arbeitplätze in bestimmten
Branchen weggefallen. Allerdings investieren im Zuge der Globalisierung
ausländische Unternehmen in der anderen Richtung verstärkt in Industrieländer.
In den letzten 20 Jahren haben sich alleine die chinesischen
Auslandsinvestitionen um den Faktor 66 erhöht. Durch ausländische Investitionen
sind in Deutschland viele Arbeitsplätze entstanden, von einer Prekarisierung
kann keine Rede sein. Außerdem konnten deutsche Unternehmen ihre internationale
Wettbewerbsfähigkeit dadurch steigern, dass sie billige Vorprodukte aus dem
Ausland beziehen. So können sie ihre Endprodukte billiger herstellen, dadurch
werden Arbeitsplätze bei uns gesichert. Und auch die billigen Endprodukte aus
fernen Ländern auf dem deutschen Markt erhöhen den Wohlstand, da Bürger heute
mit gleichem Einkommen mehr Güter als früher kaufen können.
Staaten werden
abhängig von Banken
Kritisiert wird, dass durch Globalisierung und Kapitalismus Demokratien
in die Abhängigkeit von Banken geraten. Tatsächlich müssen sich immer mehr Politiker
dem Urteil von Ratingagenturen und Banken fügen. Ursache sind aber nicht Globalisierung
und Kapitalismus. Schuld sind Politiker, die so viel Geld ausgeben, dass sie
ihre Macht nur durch weitere Kredite erhalten können. Verschwenderische
Politiker mußten sich zu allen Zeiten in finanzielle Abhängigkeiten begeben.
Die Globalisierung bringt Transparenz mit sich und leider auch die Tatsache,
dass die Gefahren auf die Weltwirtschaft überschwappen können. Doch nicht der
Kapitalismus muß abgeschafft werden, sondern Bürger und Parlamente müssen
lernen, Wohltaten des Staates abzulehnen und auf Haushaltsdisziplin zu pochen.
Doch wenn dieser Einfluß versagt, dann sind Banken manchmal sogar ein letztes
Korrektiv im Interesse der Bürger.
Spekulationen müssen
besteuert werden
Kritisiert werden Spekulationen und Finanzblasen, sie müssen
mit einer Finanztransaktionssteuer eingedämmt werden. Tatsächlich haben der
zyklische Aufbau und das Platzen von Spekulationsblasen schädliche Auswirkungen
auf unseren Wohlstand. Der Grund für die Blasenbildung und viele Kapitalströme
sind Überinvestitionen, die durch falsche Geldpolitik ausgelöst werden. Und es
hat nichts mit Spekulation zu tun, wenn Banken, Lebensversicherungen und
private Anleger Staatsanleihen abstoßen. Der Grund hierfür ist das Mißtrauen in
diese Staaten, verantwortlich sind Politiker. Eine Finanztransaktionssteuer greift
daher zu kurz. Vielmehr muß die Produktion von Geld durch Zentralbanken und durch
Staatsanleihen eingedämmt werden. Eine Finanztransaktionssteuer könnte höchstens
die Auswirkungen einer verfehlten Geldpolitik etwas abfedern. Und sie wäre
wirkungslos, weil sich Finanztransaktionen in Zeiten des elektronischen Handels
in sekundenschnelle an solche Finanzplätze verlagern könnten, die auf eine solche
Steuer verzichten.
Kapitalismus ist die
Lösung, nicht das Problem
Globalisierung und Marktwirtschaft sind wichtige Grundlagen
unseres Wohlstands. Für ihr Funktionieren braucht es Regeln. Wenn diese
stimmen, ermöglicht die Marktwirtschaft die Schonung knapper Ressourcen und
nachhaltiges Wirtschaften. Eine Auseinandersetzung mit den Argumenten der
Kapitalismus- und Globalisierungskritiker ist dennoch wichtig. Einige Argumente
sind falsch, einige leicht zu entkräften. Aber manchen Kritikpunkten muß
nachgegangen werden, von Fall zu Fall sind die Rahmenbedingungen unserer
Wirtschaftsordnung anzupassen. Die Probleme der Weltwirtschaft werden aber nicht
durch eine Abkehr von Marktwirtschaft und Globalisierung gelöst, sondern durch
ihre Verwirklichung.
Ein toller Beitrag! Es gibt viele wissenschaftliche Studien zu dem Thema. Länder, die sich dem Ausland öffnen, wie etwa die Niederlande, profitieren davon. Der Bevölkerung geht es dann insgesamt besser. Wer sich abschottet (Venezuela, Nordkorea und all die anderen Pappenheimer), der schneidet sich ins eigene Fleisch. Extreme Armut ist die Folge.
AntwortenLöschenIch finde hier so viele spannende Beiträge, das ist einfach gut. Ich werde mal öfter vorbei schauen.