Freitag, 7. August 2009

Der unbekannte Hayek: der Erkenntnistheoretiker


Das Wissensproblem ist das große Thema im Lebenswerk von Friedrich August von Hayek. Als Ökonom ging es ihm nicht darum, wie fiktive Akteure auf fiktiven Gütermärkten die Allokation verbessern können.
Hayek setzte sich vielmehr mit der Frage auseinander, welche Ordnungsbedingungen den Menschen die bestmögliche Nutzung ihres Wissens und Könnens ermöglichen. Die wissensorientierte Betrachtung ordnungs- und sozialpolitischer Fragestellungen zieht sich durch sein gesamtes Lebenswerk. Seine erkenntniszentrierte Herangehensweise erklärt sich dabei vor allem aus der intensiven Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen und psychologischen Fragestellungen zu Beginn seiner akademischen Laufbahn. Dieser „frühe Hayek“ ist vergleichsweise unbekannt.



Als Student hatte Hayek die Möglichkeit, sich im Winter 1919-1920 in Zürich mit den Ideen des Neuroforschers der ersten Stunde Moritz Schlick zu beschäftigen. Während dieser Zeit arbeitete er im Labor von Constantin von Monakow, der die Anatomie des Gehirns erforschte. Seine Gedanken aus dieser Zeit brachte er dann im September 1920 unter dem Titel Beiträge zur Theorie der Entwicklung des Bewußtseins zu Papier, einem Aufsatz, der erst im Zuge der Übersetzung von The Sensory Order durch Manfred Streit veröffentlicht wurde. Mit dieser Arbeit verfolgte Hayek die Absicht, eine mit der Naturwissenschaft kompatible Theorie des Geistes zu entwickeln. Er wollte Bewußtseinserscheinungen erklären, „so daß eine Zurückführung auf ein einziges bekanntes physiologisches Gesetz und somit eine Eingliederung in das Weltbild der Naturwissenschaften erreicht wird.“ Später, in seinem Aufsatz Economics and Knowledge, geht Hayek dann 1937 auf die Vernachlässigung kognitiver Aspekte in der Ökonomik ein. Hier stellt er sein Verständnis eines wirtschaftlichen Gleichgewichts dar, das sich nicht durch Allokation auf Gütermärkten, sonder vielmehr dadurch einstellt, daß sich die Erwartungen und Pläne der Marktteilnehmer durch Lernen – also durch kongnitive Prozesse – einander anpassen. Das eigentliche empirische Element der Wirtschaftswissenschaft bestehe deshalb in Aussagen über die Aufnahme von Wissen. In seinem meistzitierten Aufsatz The Use of Knowledge in Society zeigte er dann 1945 folgerichtig auf, daß eine funktionierende Wirtschaftsordnung die bestmögliche Nutzung des über die Gesellschaft zerstreuten Wissens gewährleisten muß. Auch in seinem bekannten Aufsatz Der Primat des Abstrakten aus dem Jahr 1968 wird seine wissensorientierte und erkenntnistheoretische Sichtweise besonders deutlich. Das Thema Wissen steht auch im Mittelpunkt seiner Nobelpreisrede im Jahr 1974 mit dem Titel The Pretense of Knowledge.

Ausführlicher und dort auch explizit beschäftigte sich Hayek mit erkenntnistheoretischen Überlegungen in seinem Buch The Sensory Order – An Inquiry into the Foundations of Theoretical Psychology, das im Jahr 1952 erschienen ist und das seit 2006 auch in deutscher Sprache vorliegt. Er beschreibt und analysiert die Grundlagen menschlicher Erkenntnis und menschlichen Verhaltens. Die grundlegende Fragestellung der Untersuchungen lautet, wie in einem Organismus ein neuronales System geformt werden kann, das die externe Welt derart reproduziert, daß seine Funktion dem Organismus das Überleben ermöglicht. Die Stimuli der Außenwelt werden durch Rezeptororgane in Impulse grundsätzlich stereotypen Charakters umgewandelt, die die Informationseinheit für alle Funktionen des neuronalen Systems bilden.

Die neuronale Ordnung und damit indirekt auch den menschlichen Geist begreift Hayek grundsätzlich als Instrumente zur Klassifizierung solcher Umweltreize. Jede Wahrnehmung, jede Erkenntnis besteht dabei in der Zuordnung eines Reizes zu einer bestimmten Klasse von Reizen. Jede Wahrnehmung ist daher eine „Einordnung“ und somit immer eine Interpretation. Die Bedeutung einzelner Impulse und Stimuli für die sensorische Ordnung hängt dabei von ihrem jeweiligen Verhältnis zu der Vielzahl anderer Impulse und Stimuli ab und wird im Zeitverlauf durch Rückkopplungsprozesse bestimmt. Über die Akkumulation solcher Erfahrungen bildet sich, so Hayek, ein System neuronaler Verbindungen, die die physische Welt in ihren grundlegenden Charakteristika abbildet, die „semipermanente“ Karte. Diese Karte bildet das statische neuronale Rahmenwerk für die dynamische Verarbeitung der vielen Stimuli und Impulse, die zu jedem Zeitpunkt das neuronale System überfluten, das Modell. Aus dem Verständnis von Wahrnehmung als Klassifizierungsprozess ergibt sich, daß die wesentlichen Daten des Bewußtseins nicht etwa die Eigenschaften der wahrgenommenen Objekte selbst sind, sondern vielmehr (nur) die Relationen zwischen diesen Objekten. Wir können also grundsätzlich nur solche Eigenschaften von Objekten wahrnehmen, die diese gemeinsam mit anderen Objekten haben. Alles, was wir von der Welt „wissen“, ist also seiner Natur nach klassifizierenden, abstrahierenden und also theoretischen Charakters. Trotz des insgesamt komplexen Erkenntnisapparates kann der Verstand bzw. das Gehirn die Welt deshalb immer nur interpretieren und in einer abstrahierenden und klassifizierenden Weise erkennen.

Für das Rationalitätsverständnis, das durch die Erkenntnistheorie Hayeks vermittelt wird, ergeben sich folgende Konsequenzen:

  • Rationalität ist nicht „a priori“ vorhanden, sondern ist ein Produkt gemachter Erfahrungen. Ohne das Vorhandensein von Erfahrung ist keine Rationalität möglich. Ein programmbasiertes Verständnis von Rationalität rückt dadurch gegenüber dem Rational-Choice-Ansatz der Mainstreamökonomik in den Vordergrund.
  • Der Leistungsfähigkeit der menschlichen Erkenntnis sind Grenzen gesetzt. Zum einen stellt Hayek in diesem Zusammenhang fest, daß gerade bei der Erklärung komplexer Phänomene nicht notwendigerweise konkrete Details, sondern gegebenenfalls „nur“ die Prinzipien des Geschehens erklärt werden können.
  • Sowohl Wissen als auch Wahrnehmung sind notwendigerweise Abstraktionen.
  • Einzelne Handlungen und Entscheidungen können nicht durch die Beobachtung neuronaler Geschehnisse erklärt, sondern nur als Produkt des Geistes in seinem Gesamtzusammenhang verstanden werden. Da aber der Geist nach Hayek niemals vollständig von einem anderen Geist erfaßt werden kann, ist die psychologische Forschung zwangsläufig auf Introspektion angewiesen. Diese Erkenntnis steht im Widerspruch zu der ursprünglichen Zielsetzung Hayeks aus dem Jahr 1920, den menschlichen Geist möglichst durch rein naturwissenschaftliche Methode erklären zu wollen.
  • Aus den Überlegungen der Sensory Order und durch die grundsätzliche Betrachtungsweise des „komplexen Phänomens Geist“ ergibt sich, daß ein evolutionäres Denken die adäquate Methode ist, komplexe Phänomene im Sinne Hayeks zu untersuchen.

Angesichts der Tatsache, daß der Schwerpunkt von Hayeks Lebenswerk deutlich auf wirtschafts- und ordnungspolitische Fragestellungen liegt, ist die Frage nach der wissenschaftlichen Fundierung bzw. Haltbarkeit seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen gerechtfertigt. Verschiedene ausgewiesene Experten haben sich mit seiner Erkenntnistheorie, speziell mit der Sensory Order beschäftigt. Darunter waren etwa der Psychologe und Historiker der hirn- und verhaltenswissenschaftlichen Forschung Edwin Boring, der Hirnforscher Joaquin M. Fuster oder der Physiologe und Nobelpreisträger Gerald Edelman. Alle drei haben sich mit der Sensory Order auseinander gesetzt und die darin enthaltenen Gedanken positiv und als richtig beurteilt. Auch ein Vergleich der Erkenntnistheorie Hayeks mit vergleichbaren Ansätzen aus Psychologie, Biologie oder der Informatik untermauern seine grundlegenden Aussagen. Obwohl Hayek also auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie bzw. Psychologie zumindest formell fremd war, entsprechen seine Überlegungen durchaus späteren Erkenntnissen, speziell aus der Neurowissenschaft.

Die erkenntnistheoretische Arbeit Hayeks bildet in methodischer Hinsicht sicher einen wichtigen Eckpfeiler seiner wissensorientierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaft. Eine intensive Beschäftigung mit seiner Erkenntnistheorie erscheint dabei nicht notwendig, um seine wirtschafts- und ordnungspolitischen Argumente verstehen zu können. Seine Arbeit auf diesem Gebiet unterstreicht jedoch seine ausgeprägt breite Bildung und verdeutlicht seine wissensorientierte Sichtweise. Auch ergibt sich aus der Beschäftigung mit der Rolle, die Wissen und Erkenntnisprozesse im Denken Hayeks spielen, eine kritische Beurteilung der Methodik der modernen Rational Choice Theorie, die, im Sinne von Hayeks 1937er-Aufsatz als „empirisch entleert“ erscheint.

Der Artikel bildete den Kern eines Beitrags beim Workshop der Nachwuchswissenschaftler während der Hayek-Tage 2009 in Jena (25.-26. Juni 2009). Er erschien zudem als Gastbeitrag auf "Forum Ordnungspolitik" und als Beitrag auf www.freiewelt.net .

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