Ausführlich und faktenreich stellen die Autoren zunächst die Geschichte der globalen Ausdehnung der Märkte dar. Spätestens nach der Ausbildung der europäischen Nationalstaaten konnten im Zuge von Industrialisierung und Kolonialisierung fremde Weltregionen ökonomisch in die westliche Welt eingebunden werden. Diese Phase der Globalisierung, die mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs ein jähes Ende nahm, brachte den Menschen weltweit Wohlstand und demografisches Wachstum. Den Menschen in den Ländern des Südens brachte diese Zeit aber auch Fremdbestimmung durch den westlichen Kolonialismus. Auch die zweite Welle der Globalisierung, die mit dem Ende des zweiten Weltkriegs begann und mit dem Einbruch des Warschauer Paktes an Fahrt aufnahm, wird von den Autoren historisch und ökonomisch faktenreich beschrieben. Den bedeutendsten Unterschied zwischen den beiden Wellen der Globalisierung machen die Autoren im abnehmenden globalen Gewicht der westlichen Welt aus. Mittlerweile sei der große Spieler China aus einer vor Jahrhunderten selbst gewählten internationalen Isolation erwacht. Der Fortgang der Globalisierung werde unter den nunmehr veränderten geopolitischen Bedingungen davon abhängen, ob ein internationaler Ordnungsrahmen fortentwickelt werden kann, der beiden großen Werteordnungen miteinander in Einklang bringen kann.
In einem großen Abschnitt widmen sich Hüther und seiner Mitautoren dem Erschöpfungszustand, den sie für die Globalisierung diagnostizieren. Nach den großen Erfolgen der weltweit ausgedehnten Wertschöpfungsketten auf Bevölkerungsentwicklung und Lebensstandard und nach dem Aufbau einer multilateralen Regelordnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien die Fortschritte ins Stocken geraten. Die Erschöpfung manifestiere sich, so die Autoren, etwa in einer zunehmenden Globalisierungs- und Freihandelskritik (TTIP/CETA), in der der Brexit-Entscheidung der Briten, in politischem Populismus im Westen sowie einem zunehmenden Protektionismus. Ein Grund für die Erschöpfung der Globalisierungsdynamik sei insbesondere im Westen der Wohlstandsverlust vieler Menschen der Mittelschicht. Aber auch in den Schwellenländern kommen zunehmend Zweifel am globalen Wirtschaftsmodell auf, insbesondere durch die ungleiche Verteilung der gewaltigen Wohlstandsgewinne innnerhalb der Gesellschaften. Digitalisierung, Klimawande und zunehmende Migration stellen weitere politische Herausforderungen für die globale Entwicklung dar, die nach internationalen Antworten verlangen.
In einem abschließenden Teil entwickeln die Autoren Lösungsvorschläge, durch die die mutmaßlich erschöpfte Globalisierung revitalisiert werden soll. So müsse die Globalisierung inklusiver gestaltet werden, etwa durch eine stärkere staatliche Steuerung der digitalen Kommunikation in sozialen Medien. Im Sinne von Habermas soll ein »Zerfall von Öffentlichkeit« verhindert werden. Auch die mediale Autonomie der Staaten müsse sichergestellt werden. Ferner sei die Globalisierung durch multilaterale ordnungspolitische Regelungen, die den unterschiedlichen Kulturräumen gerecht werden können, "erwachsen" werden. Für die Entwicklungsländer, die im Gegensatz zur ersten Globalisierungsphase unter chronischer Unterkapitalisierung leiden, schlagen die Autoren den Kapitalaufbau durch die Einführung kapitalgedeckter Alterssicherungssysteme vor.
Bewertung und Fazit: Ein gutes Buch zur richtigen Zeit
Angesichts der globalen wirtschaftlichen, geopolitischen und kulturellen Herausforderungen unserer Zeit kommt das Buch genau zur richtigen Zeit auf den Markt. Seit Jahrzehnten waren die großen ökonomischen Erfolge der Globalisierung nicht mehr so gefährdet wie in diesen Tagen. Die Autoren nehmen die aktuellen politischen und wissenschaftliche Diskussionsfäden auf. Der komplexen und wichtigen Problematik nähern sie sich mit einem umfassenden sozialwissenschaftlichen Ansatz, der über rein volkswirtschaftliches Denken hinausgeht. In dieser methodologischen Weite in der Analyse der Verfassung der Globalisierung liegt der große Wert dieses Buches, obwohl sich die Einflüsse soziologischer Elfenbeintürme streckenweise bleiern auf den Leser legen.Die vorgeschlagenen Lösungsansätze zur Vitalisierung der erschöpften Globalisierung sind hingegen nur teilweise überzeugend. Die Überlegungen der Autoren zur staatlichen Einhegung digitaler Kommunikation wirken aus freiheitlicher Perspektive geradezu einschüchternd. Hier hätte man sich gewünscht, dass wirtschaftsnahe Ökonomen mehr Mut zeigten, ihr Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte von Märkten auf andere spontaner Ordnungen übertragen zu können. Geradezu zukunftsweisend sind die ordnungspolitischen Überlegungen von Hüther und seinen Kollegen zur Weiterentwicklung der globalen Rahmenordnung, die sowohl transatlantischen als auch chinesischen Werten gerecht werden sollte. Die Vorschläge zum Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge in Entwicklungsländern erscheint hingegen angesichts der institutionellen Mängel in vielen dieser Länder hingegen wenig zielführend. Eine bessere Alternative zum Anziehen von Kapital wäre wohl der Ausbau bilateraler Investitionsschutzabkommen. Diese leiden freilich, wie die Autoren an anderer Stelle feststellen, im Zuge der Erschöpfung der Globalisierung unter der scharfen Kritik von Globalisierungsgegnern. Dieses Buch ist jedoch insgesamt ein gewaltiges Statement dafür, sich diesen und anderen Erschöpfungserscheinungen der Globalisierung entschlossen entgegen zu stellen.
»Die erschöpfte Globalisierung« von Hüther, Diermeier und Goecke ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die Zukunft der Globalisierung. Das Buch stellt die Wichtigkeit von Außenwirtschaftspolitik, internationaler Ordnungspolitik, Migrationsentwicklung, Geopolitik und inernationaler Klimapolitik für die Zukunft unserer weltweit verflochtenen Volkswirtschaft deutlich vor Augen. Es beschreibt sachkundig und übersichtlich die globalen wirtschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Eines der wichtigsten Bücher 2018 für politisch und wirtschaftlich interessierten Leser, die einen internationalen Blick haben.
